Vorspiel

Gedanken eines Mörders

Nichts vermag schöner und wertvoller im Leben zu sein als ein Platz der Harmonie. Ein Ort der Sicherheit, der Rast und Wärme. Wo wir eins sind mit uns selbst. Um neue Hoffnungen und Träume zu schaffen oder die selige Ruhe eines stillen Gebets zu ersuchen.
Sei dieser Platz in den Armen einer liebenden Frau, einem gemütlichen Heim, das vom Feuer eines lodernden Kamins erhellt wird oder in den Weiten der Natur, wo die wärmenden Strahlen der Sonne im magischen Einklang der Winde mit uns verschmelzen.
Ein Ort vorstellbar, wie eine offene Lichtung am Rande eines Waldes, wo Tag und Nacht zu jeder Zeit neu geboren werden. Eine Weite voller Blumen in ihrer spielenden Farbenpracht zwischen wildem Gewächs und scheuem Getier.
Geschmückt vom regelmäßigen Schauspiel des kühlenden Regens, der sich sanft auf die Blätter der Bäume zu einer Melodie des Lebens legt.
Und dennoch ein Platz der Einsamkeit, der Sehnsucht und Trauer. Einer tückischen Stille – ein Fleck des Denkens und Vergessens. Wo Erinnerungen Schmerzen bedeuten, die jenes Gutes und Schlechtes verbergen, was wir sind oder gewesen waren.

Am Rand von Licht und Schatten jener Lichtung kniet regungslos eine Gestalt. Nicht wissend, welche Schönheiten sich um sie herum erstrecken. Ihre Blicke fallen auf die einst weiße Stadt des Westens. Das Juwel Erdenheims – Nêrath.
Ihre Gedanken treffen auf duftende Obstgärten und immergrüne Parkanlagen. Kinder lachend spielend mit ihren Vätern und Müttern auf sicheren Straßen. Rosen und andere Blumen blühen unter sonnigem Himmel, der jeden Tag die Schönheit der Welt und des Lebens zum Vorschein bringt.
Wahrlich ein Ort der Harmonie mit freundlichen Gesichtern auf vollen Marktständen, die Nahrung im Überfluss für alle bieten … Und dennoch Gedanken von alten, vergangenen Tagen. Zeiten von verblassenden Erinnerungen.
Doch diese Gestalt verbirgt mehr als nur Erinnerungen. Etwas, das unser Leben in Angst und unsere Träume in Dunkelheit hüllt. Ein Wesen, das alles verkörpert, was selbst in unserer düstersten Vorstellung kein Dasein prägt. In der das zerbrochen ist, was wir Hoffnung nennen. Erschaffen von einer Gesellschaft wie uns. Rausgerissen aus einer Welt die ihre Gutmütigkeit und Moral verlor.
Die Gestalt kniet tief am Rand des Abgrunds der Waldlichtung. Ihre Faust ballt sich um den metallischen Griff einer Klinge, die sich von Nacht und Schatten nährt und schwarzen Nebel auszustoßen scheint.
Dunkles Haar bedeckt ihr gebrandmarktes Gesicht. Tränen des Schmerzes verlaufen über mimiklose Blicke, die starr auf die Stadt und gleichwohl das Nichts treffen.
Vor ihren Augen wuchsen Bilder wiederkehrender Visionen. Träume von Toten in einer Welt aus Asche. Bilder, die jenes zeigen, was einst Leben war. Bilder … einer gefallenen Heimat.