Kapitel 4

Im betrunkenen Kobold

Thoran und ich betraten die lichtarme Taverne und setzten uns auf zwei abgenutzte Barhocker am Tresen.
Der Zwerg orderte sogleich die versprochenen Gerstensäfte.
»Für Sklaven gibts nur Reste«, schimpfte der Barmann und begann widerwillig aus einem ranzig riechenden Eimer zwei Krüge Bier zu schöpfen. »Trinkt aus und verschwindet!«
»Brhaha!«, lachte Thoran plötzlich auf und führte den verdutzt dreinblickenden Wirt vor. »Diese Menschen«, prustete er weiter und knallte einen kleinen Haufen Münzen verschiedener Ausprägungen und Farben auf die Bar. »Jetzt aber flott Freundchen, bevor ich über dein Tischchen rutsche und deinen knochigen Arsch in den Eimer stecke.«
Der grimmig dreinblickende Wirt musterte zähneknirschend den Zwerg, zapfte aber dann doch zögerlich das frische Bier.
Der Betrunkene Kobold war mäßig besucht. Vereinzelt saßen Gäste in dem großen Gastraum neben der Bar, aßen müde an ihrem spärlichen Abendmahl oder wandten sich vom Kummer gezeichnet schweigsam dem Alkohol zu.
»Bei dem ganzem Trübsal hier wird mir gleich die zarte Zwergenseele grau«, stöhnte Thoran und schüttete den ersten Zug durstig in seine Kehle.
»Kein Wunder, wenn das von draußen an der Tagesordnung steht«, antwortete ich und tat es dem Zwerg gleich.
»Bei uns im Norden gibts so etwas nicht. Da kriegste ordentlich Prügel und wirst danach ohne Schuhe vom Berg gejagt, wenn du Mist baust«, und ließ einen lautstarken Rülpser los.
»Der Norden?«, fragte ich neugierig. »Heißt so das Land, von dem du verschleppt wurdest?«
Die eisblauen Augen des Zwergs weiteten sich ungläubig. »Du kennst den Norden nicht? Die Eiswüste Karakum jenseits des Kristallgebirges? Arkentor, die gefrorene Stadt im Berg?«, fragte er, ohne einmal Luft zu holen. »Jungchen, du musst öfter vor die Tür gehen.«
»Unser Land ist ein großes Gefängnis. Hier wissen nur die Oberen, was auf der Welt vor sich geht«, antwortete ich ihm kopfschüttelnd auf seine Fragen. »Erzähl mir mehr über deine Heimat und der gefrorenen Stadt«, bat ich ihn und versuchte, mir das Land der Zwerge bildlich vorzustellen. »Wie ist es dort zu leben?«
Thoran liebäugelte sichtlich mit der Vorstellung von Arkentor und der Eiswüste in seinem Kopf. »Ein wunderschöner Ort. Eine Bergstadt umringt von unzähligen Säulen gefrorenen Steins und Skulpturen unserer Könige, die für die Ewigkeit ins Eis gemeißelt wurden. Mauern so hoch wie ein Wasserfall«, erzählte Thoran und malte seine Worte mit den Händen nach. »Magische Tore, die niemand mit böser Absicht durchqueren kann. An jedem goldenen Tag und jeder sternenklaren Nacht bewacht von bewaffneten Schildzwergen in prunkvollen Rüstungen. Wärmende Feuerschalen. Gutes abgehangenes Fleisch und besseres Bier als diese Plörre hier«, tadelte er. »Wir halten Gastfreundschaft hoch in diesem Berg. Ein Berg größer als alle die du je gesehen hast. Umgeben von schneebedeckten Tälern, Kämmen verschiedener Gebirge und Minen unserer Vettern. Halb zugefrorene Seen bei denen du jeden Fisch selbst an der tiefsten Stelle sehen kannst. Ungezähmte Flüsse, die ihre Arme von den Fjorden im Westen durch das Land schlängeln lassen. Immer begleitet von den würzigen frischen Duft der Dämmertannen des Nordwalds. Und weit und breit keine fremde Seele, die einen Nerven kann. Nur Zwerge, wohlschmeckende Tiere und … ab und zu ein Drache«, stockte Thoran und fast wäre mir der letzte Schluck Bier im selben Moment aus dem Mund gespritzt wie eine Wasserfontäne.
»Du hast einen Drachen gesehen?«, fragte ich ihn erstaunt und wischte mir mit dem Ärmel über die Lippen.
»Ja, sind überall«, winkte Thoran ab. »Große schuppige Würmer mit Flügeln und wirklich scharfen Zähnen. Solltest dich von fernhalten.«
»Woher kommen die Drachen?«
»Keine Ahnung«, zuckte der Zwerg mit den Schultern. »Manche leben dort – vor allem Winterdrachen. Andere Drachenarten tauchen einfach auf. Wittern wohl das Gold und die Edelsteine, welche wir aus den Tiefen unseres Berges schürfen und gegen das eintauschen, was es bei uns nicht gibt. Habt ihr wirklich noch nie welche gehabt?«
»Nein«, sagte ich und dachte mir, dass ein Drache dem Oberen Viertel gerne einmal einen Besuch abstatten könnte. »Obwohl der Reichtum in unserem Land mit dem der Zwerge sicher mithalten kann.«
»Hmm … wundert mich«, überlegte Thoran. »Vielleicht habt ihr ja noch irgendwann Glück«, witzelte er. »Aber jetzt vergiss sie erstmal. Das sind nur Störenfriede und in den Berg können sie eh nicht rein«, schlichtete er. »Denn das Beste was Zwerge zu bieten haben, habe ich dir noch gar nicht erzählt: Stelle dir die fülligsten Zwergenfrauen mit den schönsten Bärten auf der ganzen Welt vor. Würde dir sicher gefallen. Das sind so richtige Frauen. Was zum Anfassen, wenn du verstehst«, zwinkerte er mir mit schaumüberzogenem Lächeln zu.
Thoran sah zufrieden aus, wenn er an sein Zuhause dachte und darüber sprach. Seine Schilderungen waren schön. Ich konnte die Eiswüste und Arkentor deutlich vor mir sehen. Ob er jemals wieder dort hingelangen würde? Ich hoffte es für ihn. Aber wahrscheinlicher war, dass er hier sterben wird – wir beide.
»Hat diese Elfe, von der der Große vorhin gesprochen hat, auch einen Bart?«
Ein Lächeln überkam mich, als der von Sehnsucht trunkene Zwerg von Siona sprach. Mein Bauch begann zu kribbeln. Ich vergaß kurz die bestialische Hinrichtung und Sionas Martyrium durch den schwarzen Söldner. Am liebsten würde ich sofort zurück zum Haus des Großbauern. Nur um ihr nah zu sein und für einen Augenblick ihre Wärme zu spüren. Ich wusste nicht, wann ich schon einmal so gefühlt hatte. Dann schüttelte ich entschieden den Kopf. »Nein«, antwortete ich und genoss diesen kurzen Moment, den Thoran und ich zusammen teilen durften. »Siona ist wohl das reinste und sanftmütigste Wesen, das ich je gesehen habe. Trotz ihrer Geschichte. Sie wurde auch von den Menschenhändlern der Kala´thels gefangen genommen. Gewaltsam geraubt aus ihrem geliebten Zuhause. Nur um versklavt zu werden, … wie du.«
»Hmm«, brummte Thoran wie ein Bär. »Nicht wie du wahrscheinlich denkst. Pech trifft es wohl eher«, und strich sich mit der Hand den Schaum vom Bart.
Verwundert blickte ich den Zwerg an. »Was meinst du damit?«
Thoran ließ die Schultern etwas senken. »Jeder junge Zwerg muss sich in der Prüfung des Mutes beweisen, wenn er erwachsen wird und in die Gemeinschaft Arkentors aufgenommen werden will. Also bin ich los, direkt in den Hort von Kol´drak dem Schläfer, dem größten Winterdrachen weit und breit und suchte in seinem Gelege nach einem noch nicht geschlüpften Drachenei.«
»Und hast du eins gefunden?«, wartete ich gespannt auf die Fortsetzung seiner Erzählung.
»Ich hatte meinen Mut bewiesen, ja. Gar nicht so einfach. Schließlich konnte der riesige blaue Drache jeder Zeit aufwachen und seine Nachkommen beschützen«, begann Thoran zu erzählen. »Doch dann tauchten diese Langhälse auf einmal auf und griffen den schlafenden Wyrm an. Sie trugen dasselbe Emblem auf der Brust wie der Große. Der Kampf, der daraufhin tobte, kannst du dir nicht vorstellen. Aber diese verdammten Raubritter waren zahlreich und gut vorbereitet. Haben sie wohl schon öfter gemacht. Ihr Auftauchen war kein Zufall. Sie wollten den Drachen töten und taten es auch. Und bis auf eines sind alle Eier bei der Schlacht zerbrochen und die Welplinge verendeten. Kein schöner Anblick sag ich dir. Zusammengeschnürt wie ein Mehlsack verluden sie mich, das Ei und den Drachenschatz auf ihr Schiff. Jetzt sitze ich hier fest, weit weg von daheim und habe keine Ahnung, wo das Ei ist. Und ohne … darf ich die gefrorene Stadt nicht mehr betreten«, sagte Thoran geknickt. »So ist unser Gesetz.«
»Weißt du, wer das Drachenei hat?«
»Ich wurde direkt vom Hafen aus hier her gekarrt. Irgendwo in der Stadt müsste es sein. Ich muss es finden. Bin eindeutig schon viel zu lange hier«, seufzte er. »Aber die Fleischmauer hier ist dichter als ein Drachenarsch. Der Große weiß, was er tut. So baut man in der Armee eigentlich Marschlager, um die eigenen Truppen nachts vor Angriffen zu schützen. Effizient, da man schnell weite Flächen erschließen kann«, erklärte er und zeichnete seine Worte mit den Händen nach. »Er hat Spitzgräben ausheben lassen und die Erde mit den ganzen Galgen als Wall dahinter. Hab sie gesehen. Kein Durchkommen sag ich dir. Jeder, der dieser Todeswand zu nahe kommt, wird von Patrouillen wieder weggeschickt oder schlimmer – gleich mit aufgeknüpft. Diese Fliegen sind überall.«
Seine Beschreibung vom Galgenwald bestätigte mir, dass Siona keineswegs übertrieben hatte. Mit Sicherheit war jetzt auch der Weg, in den Schwarzastwald versperrt und damit die Möglichkeit an Klin´dorlin und Klan´gorhal zu gelangen. »Irgendwo muss es einen Durchgang geben«, rede ich ihm zu.
»Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte er entschlossen und begann zu grübeln. »Sie haben mich ab morgen als Laufbursche für irgendeinen Mist eingeteilt. Dachten wohl, es ist lustig den Typ mit den kürzesten Beinen von der einen Seite der Höfe zur anderen zu schicken. Aber eigentlich ist es perfekt. Wenn ich einen Durchgang gefunden habe, hole ich dich und dann lassen wir dieses Rattenloch hinter uns«, schlug der trinkfeste Zwerg vor und prostete mir zu.
»Ja, das hört sich gut an«, erwiderte ich und dachte an mein Versprechen, das ich Siona gab.
»Warum so nachdenklich? Willst dein Schicksal herausfordern was? Brhaha! Ist es … wegen der Elfe?«
»Ich habe ihr ein Versprechen gegeben, die Söldner zu vertreiben«, antwortete ich und erzählte ihm von Sionas Bitte.
»Uff, harte Kiste«, stieß Thoran die Luft aus. »Ich sagte ja: Es geht immer um ein Mädchen«, schmunzelte er und dachte währendessen zweifellos an ein Zwergenweib so wie er seine Worte betonte. »Ich sag dir was. Du kennst dich doch sicher aus in der Stadt. Wenn du mir später hilfst das Drachenei zu finden, dann helfe ich dir mit deinem Mädel.«
Thorans Angebot und Absichten klangen ehrenhaft. Dennoch nagten, während unseres Gesprächs, Zweifel an mir, ob ich ihm vertrauen konnte – war ich doch die meiste Zeit auf mich alleine gestellt. Aber der Zwerg war anders als die Menschen. Er hatte etwas Ermutigendes an sich. Und solange wir hier gemeinsam gefangen waren, teilten wir auch dasselbe Schicksal. »Nur habe ich keine Ahnung wie wir das anstellen sollen.«
»Uns wird schon was einfallen«, sagte Thoran. »Jetzt will ich erstmal das ganze stinkende Blut von mir runter waschen. Was ist mit dir? Schaust auch nicht gerade besser aus.«
»Nein, ich höre mich hier noch etwas um. Vielleicht erfahre ich noch etwas, das uns weiter helfen kann.«
»Ich finde dich, wenn ich Neuigkeiten habe«, sagte Thoran und verabschiedete sich. »Und dann will ich deine Geschichte hören!«

Ich saß noch eine Zeit lang allein an der Bar und löffelte die wenigen Fleischbrocken aus dem mageren Eintopf heraus, den Thoran mir vor seinem Abschied spendiert hatte.
Das Fleisch roch etwas streng nach Eber und schmeckte auch leicht verdorben. Aber ich schlang meine Mahlzeit hungrig hinunter und dachte darüber nach, woher der Zwerg seine Zuversicht nahm.
Siona wird sich sicher freuen, wenn ich ihr von Thoran erzähle.
Als ich aufbrechen wollte, um zum Haus des Großbauern zurückzukehren, schnappte ich Bruchstücke von einem Gespräch mehrerer Bauern auf, die an einem abgelegenen Tisch auf der anderen Seite des Bartresens saßen.
»Wie konnte es nur soweit kommen?«, fragte einer von ihnen, nachdem er sein Feierabendbier in einem Zug geleert hatte.
Vor den Bauern stand eine dicke Kerze gegossen aus Bienenwachs auf dem Tisch, die den süffigen Gestank der Bar mit ihrem süßlichen Honigduft etwas überdeckte. Ihr Feuerschein loderte so hell, dass die ausgelaugten Gesichter der hageren Gestalten zum Vorschein kamen.
»Und auf dem Boden wächst auch kaum noch was«, fuhr er mit einer Mischung aus Schwermut und klagender Wut fort und stierte dabei an seinem leeren Tonkrug vorbei durch das Fenster in die Abenddämmerung. »Zu lange schon ist der Überfluss spürbar und was der Adel nicht fressen kann, das werfen sie lieber weg oder geben es ihren Tieren. Was bleibt uns denn anderes übrig als etwas von der Ernte für uns und unseren Familien einzubehalten?« Der Bauer nickte zur Seite als er den Satz beendete und deutete damit auf einen unscheinbaren Jutesack, der an der Wand lehnte.
»Bist du wahnsinnig, Vastus?«, zuckte ein Mann mit auffälligem langen Kinn, der dabei war seine Mahlzeit bestehend aus gebratenen Eiern, einer rotbraunen Zwiebelsoße mit Bohnen und Schwarzbrot hungrig herunterzuschlingen. »Du kannst doch nichts von der Ernte hierher mitbringen! Hast du den Verstand verloren?«
»Natürlich nicht, Harold. Ich will nur wissen, ob ihr das nicht genauso seht wie ich. Können wir gar nichts tun?«, fragte er und richtete seinen Blick abwechselnd zu seinen beiden Freunden.
»Fängst du schon wieder damit an?«, wetterte Harold, der etwas Beleibtere der drei. »Außerdem, was willst du denn machen? Ein paar Kartoffeln und Maiskolben zu stehlen ist leicht. Aber wenn sie dich erwischen, dann knüpfen sie dich auf. Denkst du wir könnten dich schützen, wenn erst die Söldner davon mitkriegen, was du hier von dir gibst? Halte es ihnen doch gleich vor die Nase«, schmatzte er mit strenger Miene, riss sich ein Stück der harten Kruste ab und tunkte sie in den kleinen Klecks Soße. »Im Kobold kriegen wir immerhin, etwas zu essen.«
»Dieser überteuerte Fraß? Wie soll ich so meine Kinder ernähren? Außerdem ist das billigste hier das Bier und das macht unsere Lage nicht besser.«
»Aber erträglicher«, fand Harold und trank einen tiefen Schluck aus seinem Becher.
»Ich meinte ja nur, Harold.«, verteidigt sich Vastus. »Der Galgenwald wird mit jedem Tag größer und wir immer weniger«, und zeigte dabei mit der offenen Handfläche zu den anderen Tischen. »Ist es das, was du willst? Ich weiß nicht mehr wie das Leben vor der Seuche und dem Krieg war. Doch ich weiß, dass wir einmal in Freiheit lebten. Jetzt habe ich das Gefühl, wir schuften nur noch für das Wohl des Oberen Viertels«, sagte er und wartete auf Harolds Antwort, die jedoch nur aus einem vollen kauenden Mund und einem gelangweilten Kopfschütteln bestand.
»Was meinst du, Jareth?«, frage Vastus hilfesuchend den kleinsten der Gruppe, der zwischen ihnen saß und bis jetzt dem Gespräch nur zur Zierde beiwohnte. »Findest du nicht auch, dass es an der Zeit ist etwas zu unternehmen?«
Jareth wühlte in seinem Tabakbeutel, um nach den besten Stängeln Glimmmblatt für seine Pfeife zu suchen, bevor er antwortete. »Ich glaube, das kannst du vergessen, Vastus«, meinte er, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Hastor übernimmt jeden Tag mehr die Kontrolle über die Höfe. In den Augen der Söldner hält er hier alle am Leben und der Rest fürchtet ihn. Hast du nicht gesehen, was vor der Taverne passiert ist?«
»Natürlich habe ich das – wir alle«, erwiderte Vastus der zu Harold hinüber sah und sich wunderte, dass dieser nach der Hinrichtung überhaupt noch an Essen denken konnte.
»Wir sollten uns einfach unauffällig verhalten und das Ganze aussitzen«, meinte Harold. »Der Fürst wird sicher irgendwann merken, dass seine Soldaten an den Galgen baumeln und die richtige Stadtwache schicken. Dann wäre es wenigstens nicht mehr so schlimm und wir könnten weiter leben. Wenn es auch nicht dasselbe Leben ist wie früher, das wir alle gerne wieder hätten.«
»Harold hat in einem Punkt recht«, meinte Jareth und brachte die Unterhaltung kurz zum Stillstand, um den ausgesuchten Tabak in die alte Langpfeife zu stopfen. »Du hast gesehen, was sie mit ihresgleichen machen. Die Söldner werden mit Sicherheit nicht zögern und uns alle gleich mithängen. Nur weil wir dich kennen. Und das alles für ein paar Hühnereier und eine Hand voll Körner?«
Harold fuchtelte mit seiner zweizackigen Gabel durch die Luft, auf der ein paar Bohnen steckten. »Und in welchem Punkt habe ich nicht recht?«
»Dass du denkst, dass uns die Stadtwache irgendwann zur Rettung eilen wird. Solange der Fürst denkt, dass er die Kontrolle über die Höfe hat, wird gar nichts passieren«, antwortete ihm Jareth der seine Pfeife mit einem Holzstäbchen an der duftenden Kerze entzündete und sie mit leichten Atemzügen zu einem einheitlichen Glühen brachte. »Obendrein sind Arius und Hastor nicht dumm. Sie werden nicht zulassen, dass diese Information einen Weg durch den Galgenwald findet. Der Großbauer wird alles daran setzen, den Schein zu waren. Er hat dafür gesorgt, dass niemand die Identität der Soldaten herausfinden wird – ließ ihnen sogar die Gesichter zerschneiden. Und das Beste an der ganzen Sache ist …«
»Psst!«, wisperte Vastus. »Sprich leiser« und verwies mit dem Kopf zur Eingangstür, durch die eine Gruppe von Münzröcken trat.
Einer der Söldner konzentrierte seine Aufmerksamkeit sofort auf mich und starrte mich argwöhnisch und kontrollierend an, als ob er in mir jemanden sah, den er nicht erwartet hatte.
Doch zum Glück lenkte er seinen Blick kurz darauf wieder auf seine Gruppe, die dabei war lautstark und gut gelaunt einen besetzten Tisch vor dem einzigen Kamin mit rabiaten Methoden für sich zu beanspruchen.
Die falschen Stadtwachen schubsten die Gäste von ihren Stühlen und warfen ihnen ihre Mahlzeiten, wie zu einer winselnden Hundemeute, auf den Fußboden.
Ich faste mir unauffällig über den getrockneten Schlamm, welcher immer noch meine Fassade aufrechterhielt.
Kaum einer der Bauern an den Nachbartischen schaute auf und die wenigen, die es taten, sahen sehr schnell wieder weg, um nicht selbst zur Zielscheibe zu werden.
»Jetzt rede weiter, Jareth. Ich will endlich zu einem erfreulicheren Thema kommen«, forderte Harold, der sich abgestumpft von der Situation wieder seinem Mahl zuwandte. »Aber leise!«
Vastus nickte zustimmend ein und versuchte von den Söldnern wegzusehen, die das vorbeigehende Schankmädchen an sich heranzogen, ihr die Bestellung vom Tablett nahmen und dort anfassten, wo das Recht beim Ehemann liegen sollte.
»Jaja«, erwiderte Jareth, der sich mehr um seine Pfeife zu kümmern schien. »Nur die Ruhe … Also, dass Beste an der ganzen Sache ist, dass der Fürst das Vorgehen, diebische Bauern aufzuhängen, auch noch begrüßte.«
»Ganz schön makaber«, fand Vastus.
»Und jetzt kontrolliert der Großbauer selbst den Gewinn seiner Verkäufe und wird nur noch so viel Geld an das Obere Viertel abgeben, dass der Fürst keinen Verdacht schöpft. Außerdem wird er um jeden Preis dafür sorgen, dass einer seiner Leute als Großhändler fungieren wird. Nur dieser protokolliert die Ein- und Ausgänge der Waren auf Erdenheim. So hält er die Oberen mit falschen Geschäftsbüchern auf Abstand und kann zusehen, wie sein Reichtum und militärischer Einfluss wächst.«
»Woher weißt du das eigentlich alles?«, wollte Vastus wissen.
Jareth genoss, wie seine Freunde ihm an den Lippen hingen, und begutachtete vor einer Antwort seine Pfeife, die ausgegangen war. »Willow, mein Tabakhändler«, antwortet er kurz und stopfte die Asche seiner Pfeife wieder glatt. »Er verkauft mir jede Woche Glimmblatt pflückfrisch aus den Sümpfen und pendelt ständig zwischen Grenzstadt und Nêrath. Er hat gute Kontakte und weiß alles, was auf Erdenheim vor sich geht. Sumpfkraut raucht schließlich jeder, ob arm oder reich. Und man kommt ins Gespräch«, erzählte er entschlossen, zündete seine Pfeife mit einem tiefen Zug noch einmal nach und ließ dabei mit kreisenden Bewegungen das Zündholz über dem Tabak schweben.
»Erzählte dir Willow woher die Söldner überhaupt kommen«, fragte Vastus, der breitgeschlagen den Erntesack heimlich in ein dunkles Eck schob und noch eine Tischrunde Bier orderte.
Jareths Antwort wartete bereits. »Es hat eine Art Gildenkrieg im Elendsviertel gegeben«, sprach er weiter, lehnte sich entspannt zurück in die Stuhllehne und zog sanft an seiner Pfeife. »Aber die Kala´thels ließen alle Zugänge der Slums in den Wirren der Schlacht blockieren und befahlen der Stadtwache den Beschuss mit Brandpfeilen von den Mauern aus. Die Hunde hatten sich sogar bis in die Kanalisation eingenistet, doch auch die wurden in dieser Nacht gesäubert. Der Fürst hatte wohl die ganze Zeit nur auf den richtigen Moment gewartet, um die Unterstadt ein für alle Mal von der Herrschaft der Gilden und Söldner zu befreien. Diejenigen, die das Massaker überlebten, sind hierher geflohen. Diebe, Mörder und eben Söldner«, meint Jareth und stieß genüsslich eine weißliche Rauchwolke des aromatischen Sumpfkrauts aus.
Harold schob seinen leeren Teller beiseite, trank den letzten Schluck Bier und machte Platz für die nächste Runde, die soeben von der Bedienung serviert wurde. »Und Arius hat die Gunst der Stunde ausgenutzt, indem er Hastor und seine Männer sofort zu seiner Privatarmee ernannte«, schloss er.
»Na ja, fast«, hakte Jareth ein. »Hastor ist ein brillanter Stratege. Er lockte alle Mörder und Diebe in eine Falle, nahm sie gefangen und errichtete mit ihnen die ersten Stämme des Galgenwalds.«
Ich schluckte bei dem Gedanken und mein Herz wurde schwer. Sind alle Gildenmitglieder tot?
Die Tochter des Fürsten Tezza Kala´thel hatte wohl den Großhändler die ganze Zeit an der Nase herum geführt. Sie wollte ihm niemals Zugang zum Oberen Viertel gewähren, sondern versammelt abschlachten wie die anderen.
Ich machte mir Sorgen um Goralx. Was ist mit dem Hortling geschehen? Hing er auch an einem Pfahl? … Aber er war klein. Vielleicht irrt er allein umher und versteckt sich vor den Menschen. Vielleicht bestand doch noch Hoffnung. Ich musste ihn suchen gehen! Ich hätte ihn nie allein lassen dürfen!, dachte ich und registrierte erst spät die kräftige Hand, die meine Schulter packte und sie in einem Ruck zurückzog.
»Meistermörder Krayac?«, flüsterte ein hoffnungsvolles Wispern und ich spürte ein Gefühl der Ohnmacht, welches mich mit einem explosiven Kribbeln durchfuhr.


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