Kapitel 3

Der schwarze Söldner

Die eisernen Lungen der Türangeln keuchten, als das Holz unter polterndem Klopfen erzitterte und die Haustür kurz darauf gegen die Wohnzimmerwand krachte.
Siona schreckte zurück und stieß an die Vorderseite der Kommode, auf der eine halbleere Schale mit dickflüssigem Schlamm abgestellt war.
Der großgewachsene Söldner zögerte, blieb im Türrahmen stehen und musterte prüfend den Raum.
Die Schwärze seiner Augen war so farbintensiv, wie der Irokese, der provozierend und scharf seine feindselige Persönlichkeit ankündigte.
Hinter dem Söldner tauchten weitere Soldaten auf, welche, einschließlich ihres Offiziers, den blauen Wappenrock der Kala´thels mit dem Münzhaufen trugen. Sie leckten sich hämisch die Lippen und schienen hungrig auf einen Befehl zu warten, als sie Siona erblickten.
Doch anstatt eines Befehls erschollen die schweren Schritte des schwarzen Söldners, welche das metallische Prasseln seines Kettenhemds immer lauter in unsere Nähe brachte.
Sionas Körper gefror zu einem Eisblock und ich hoffte, dass der Söldner die Schlammschale hinter ihr nicht bemerkte.
Zielgerichtet trat er auf die Elfe zu. »Hast du den Deserteur entsorgt, wie es Arius befohlen hat?«, blaffte er sie drohend an. »Oder muss ich ihn hier rausschleifen und als Scheuche für die Krähen aufhängen?«
Siona hob schlichtend ihre Hände und suchte nach einer Ausrede über mein Verbleib. »Ja, e-er liegt hinterm Haus …«, haspelte sie überrascht und wies zu der dreckigen Schaufel in meinen Händen, auf der noch frische Erde klebte.
»Vergraben?«, beendete der Söldner skeptisch ihren Satz. »Du hältst ihn nicht vor mir versteckt?«, fragte er kühl und schritt eine Fußlänge näher an sie heran, sodass sie seinen Atem spüren musste.
Die Elfe schüttelte angespannt den Kopf und klammerte ihre Hände an die Schrankkante. »Er war krank, das Fieber … war zu stark.«
»Du würdest mich doch nicht anlügen, oder?«, zweifelte er und streifte mit dem Finger eine herabhängende Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
»N-natürlich nicht, Hastor«, verneinte die Elfe erneut.
»Was hattest du überhaupt mit ihm vor?«, fragte er und fuhr danach fast berührungslos über ihren Hals und Brustansatz, was sofort eine unangenehme Gänsehaut bei Siona auslöste.
»Er brauchte nur Hilfe.«
»Und verstößt gegen das Gesetz?«, stutzte er.
Siona versuchte nicht, Hastors Berührungsversuche zu unterbinden, sondern presste ihre Hände noch fester an das Holz, sodass ihre Fingerknöchel vor Anstrengung weiß anliefen.
»I-ich habe mir nichts dabei gedacht.«
»Ach, Siona«, seufzte Hastor. »Du bist die Frau des Großbauern, gerade du solltest wissen wie wir mit Aufsässigen auf den Höfen umgehen. Wieso habe ich nur das Gefühl, dass du irgendwas vor mir verbirgst?«
»Nein, Hastor. Es ist die Wahrheit. Er ist …!«, wollte Siona erneut erklären, aber im selben Moment schoss die Hand des schwarzen Söldners vor und packte ihre Wangen.
»Schluss jetzt mit deinen Lügen!«, setzte er ihr zu und presste seine Finger dabei so fest zusammen, dass Sionas Mund weit offen stand. »Ich habe es satt, dass ihr verirrten Freigeister denkt, dass ihr hier machen könnt, was ihr wollt. Was ihr lumpigen Bauern braucht, ist jemand, der die Verantwortung über euer Dasein übernimmt. Einer, der euer Leben in die richtige Richtung führt! Und das gelingt nur mit Ordnung und Gleichheit. Und bei der Gleichheit schließt sich der Kreis. Denn auch die Frau des Großbauern ist, wie alle anderen, gleich vor dem Gesetz. Ihr Bauern und Sklaven seit meine Schafe. Verstehst du das? Und seinen Hirten belügt man nicht. Schließlich ist es der Wille des Fürsten und wir seine treuen Stadtwachen, die im Reich für Ordnung sorgen«, sagte er in seiner sadistischen Kühle und brachte währenddessen langsam einen eisernen Totschläger unter dem weißen Offiziersumhang zum Vorschein. »Deswegen solltest du mir jetzt lieber erzählen, wo du den Deserteur versteckt hast. Und überlege dir deine Antwort gut«, bekräftigte er seine Einschüchterungsversuche.
Siona versuchte zu antworten, aber ihr Nuscheln war nur eine Ansammlung unverständlicher Worthülsen.
»Ich habe ihn verscharrt, wie meine Herrin es mir aufgetragen hatte«, machte ich Sionas Martyrium ein Ende und wiederholte die zuvor eingeübte Geschichte, welche für uns am realistischten Klang.
Hastor wirkte irritiert, ließ von der Hausherrin ab und schubste sie dabei so fest gegen die Kommode, dass die Schlammschale gefährlich stark wackelte und herabzufallen drohte. Aber Siona hielt sich wacker und verbarg sie mit einem unauffälligen Handstreich vor dem unaufmerksam gewordenen Söldner.
»Wieso sprichst du, Sklave?«, fragte Hastor mit zusammengekniffenen Augen und musterte verächtlich die ausgeblichenen Feldarbeiterklamotten, die mir Siona heute Morgen zum Anziehen gab.
Die Elfe ergriff ungeachtet der bevorstehenden Bestrafung das Wort und versucht die Situation zu entschärfen. »Er … Er wurde uns erst zugeteilt«, begann sie zu erklären und rieb sich die Wangen. »Milton der Apotheker hatte keine Verwendung mehr für ihn. Du kannst ihn fragen, wenn du willst. Der Sklave hat bislang nur bei Experimenten geholfen und jeder der Milton kennt weiß um seine Redseeligkeit.«
Wie erwartet, schien sich Hastor an die Unantastbarkeit des fürstlichen Apothekerbundes zu erinnern. Ernüchternd nickte er, schritt zu mir herüber und klopfte nachdenklich mit der schweren Metallstange gegen meine Brust. »Dann bist du also auch der Meinung, dass ich nicht das ganze Haus nach dem Verräter absuchen muss? Ich will nur ungern meine kostbare Zeit, damit verschwenden nach einem Niemand zu suchen, der ohnehin schon lange nicht mehr existiert
Mein Griff um den rauen Stiel der Schaufel wurde fester und ich stellte mir vor, wie sein Genick dazwischen brach, während ich ihm wortlos zustimmte. Ich versuchte, meine Rolle so gut es ging zu spielen, denn es war die einzige Möglichkeit, mich in den nächsten Tagen frei auf den Feldern zu bewegen. Jedenfalls solange bis Arius zurück war. Wenn ich bis dahin keine Lösung für Sionas Bitte gefunden hatte, sind wir beide tot – denn der Großbauer kannte mein Gesicht.
»Gut«, lächelte er kaltherzig. »Sollen die Maden sich an seinem feigen Fleisch satt fressen«, sprach er deutlich und bei jeder Silbe nieselten mir Speicheltropfen entgegen. »Aber Regeln sind nun mal Regeln«, wurde er lauter und schlug mir beim letzten Wort mit dem gepanzerten Handrücken ins Gesicht.
Ich taumelte gegen die Wand und der Spaten fiel wie ein abgesägter Baum zu Boden.
Die Härte des Schlags überraschte mich, sodass ich kurz in Sorge war, der getrocknete Schlamm könnte von meiner Narbe brechen, welchen mir Siona zuvor für meine Tarnung aufgestrichen hatte.
Siona hielt sich die Hand vor dem Mund und unterdrückte einen unbedachten Aufschrei.
»Du hast Glück, dass ich heute einen guten Tag und nur wenig Zeit habe«, schnaubte er verächtlich und rieb seinen verschmutzten Handschuh an meiner malträtierten Schulter ab.
Die Nähte unter dem ausgedienten Hemd spannten und schnitten mir ins Fleisch. Die Wunde war noch lange nicht verheilt und ich nicht gesund. Es reichte um aufrecht zu gehen und so zu tun, als ob ich irgendeiner Arbeit nachginge.
Ich widerstand dem Drang, vor Schmerzen an meine Schulter zu greifen. Die Gefahr war zu groß, dass der Söldner misstrauisch wurde.
»Denk aber nicht, dass ich mit dir oder der Elfenmetze fertig bin! Ich habe noch etwas ganz Großes mit euch allen vor!«, versprach er und sah zu Siona herüber. »Ich werde deinen Haussklaven mitnehmen«, sagte er bestimmend. »Er kann mir helfen etwas zu erledigen. Ich bin ohnehin auf der Suche nach Freiwilligen«, lächelte er gewissenlos.
Siona blickte mich schockiert an und wechselte den Blick zu Hastor. »A-aber er muss noch wichtige Besorgungen für Arius machen«, protestierte die Elfe leise, die ihre Pläne scheitern sah.
»Dann machs doch selbst«, fuhr er sie an und schritt Richtung Ausgang. »Der Großbauer hat sicher nichts dagegen. Und solange er nicht hier ist, habe ich das sagen!«, sagte er harsch, gab ein Zeichen nach draußen und die Stadtwachen zogen mich aus der Tür hinaus.
»Packt ihn auf den Wagen zu den Anderen«, bellte der Offizier seinen Befehl, stieg auf sein Pferd und setzte sich, ohne sich umzudrehen, an die Spitze des Zuges … »Vorwärts!«

Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt und auf dem Wagen saßen fünf ausgemergelte Arbeiter, die kaum Fleisch an den Knochen hatten.
Keiner von ihnen sah den anderen an. Selbst mich registrierten sie nicht, als ich zwischen sie gedrängt wurde. Stumm und starr blickten sie ins Nichts.
Ich sah zurück. Durch einen Tunnel von vier Reitern, die in Formation hinter uns trabten.
Siona stand mit ungewissem Gesichtsausdruck im Türrahmen.
Unter ihrem linken Arm steckte eine kleine Halbelfe mit spitzen kurzen Ohren ihren Kopf hindurch. Maya hielt sich fest am Kleid ihrer Mutter und ihr ängstliches Gesicht, mit den goldenen strubbeligen Haaren, verschwand immer weiter hinter Sionas Bein.
Durch meinen Kopf rasten Bedenken. Konnte ich Sionas Bitte überhaupt erfüllen? … Vielleicht war es doch keine so gute Idee zu bleiben.

Die Karawane passierte eine ganze Reihe von Bauernhöfen, die kreuz und quer um das Ackerland verteilt waren.
Viele Bauern bauten Mais und verschiedene Sorten Gras für Ochsen und Milchkühe an, welche auf den weiten Flächen weideten.
Doch nicht in jeder Erde wuchs etwas. Einige Landstriche waren kahl und der Boden vertrocknet oder sauer. Auf anderen wiederum sprossen goldene Weizenfelder und weitere Nutzpflanzen in die Höhe.
Dieses Land scheint krank zu sein, wie ein junger Mann, der von einem Geschwür langsam zerfressen wird.
Der Schwarzastwald, der einst bis hierher reichte, wurde bis zum Kristallgebirge für den gewaltigen Konsum der Menschen abgeholzt. Seine traurigen Überreste zierten jetzt den Wegesrand und boten mit ihren Schatten etwas Linderung vor der brennenden Mittagssonne.
Die Fahrt war holprig und staubig.
Vereinzelt überwachten Stadtwachen die Ernte, welche Dutzende Zwangsarbeiter einbrachten und bestraften ungehorsam sofort mit blutigen Stockhieben.
Die Bilder von Saat, Blüte, Ernte, Schmerz und Tod wiederholten sich auf unserem Weg, bis sie abgelöst wurden durch einen Pulk von Söldnern und Bauern, die auf einem gepflasterten Platz vor einer Taverne standen.
Die Karawane kam vor der schmucklosen Schenke zum Stehen. Über dem Eingang hing ein rechteckiges Schild: Der betrunkene Kobold.
Aber keiner der Soldaten, Frauen, Kinder und Männer registrierten unsere Ankunft. Alle starrten auf einen Baum, an dessen dicken Ast ein Henkerstrick geknüpft war.
Ein nackter Mann war mit den Händen nach oben aufgeknüpft und seine Fußballen hielten unbewusst das Gleichgewicht auf einem löchrigen Fass.
Er hatte Glück, dass er bewusstlos war. So spürte er nicht, wie zwei Raben sich um die nahrhaftesten Teile stritten, die durch seine zahlreichen offenen Wunden für die Fleischfresser erreichbar waren.
Als ich und die anderen Sklaven die brüchigen Stufen des Wagens heruntergedrängelt wurden, erspähte ich eine dritte Krähe, die mit ihrem massiven grauen Schnabel kurz davor war ein Auge des hilflosen Gefangenen heraus zu picken.
Mir kam der Gedanke in den Sinn, dass es ein Wunder wäre, wenn er noch lebte, aber dann schüttete einer der verkleideten Söldner, dem zum Tode verurteilten, einen Eimer eiskaltes Wasser auf den Leib.
Ohnmacht und Getier verschwanden und ich dachte darüber nach, was diese arme Seele verbrochen hatte.
Hastor stieg von seinem Pferd und stellte sich auf einen für ihn bereitgestellten Stuhl neben dem Baum. »Seht ihn euch an Brüder und Schwestern!«, bekundete der schwarze Söldner stolz. Er überblickte die wartende Menge und suchte ihre Aufmerksamkeit. »Habe ich euch nicht versprochen, dass ich den Abtrünnigen zur Rechenschaft ziehe?«
Die Menschenmasse grölte. Einzelne forderten den Henker, der geduldig mit einem Messer spielend am Stamm des beeindruckenden Ahorns stand, auf fortzufahren. Andere ließen Beschimpfungen jeglicher Art auf den Gefangenen niederprasseln. Die meisten jedoch feierten ihren eingetroffenen Anführer.
»Lass ihn leiden, Hastor! Schneide ihm sein feiges Gesicht von seinem verfluchten Schädel!«, forderte ein ganz schlauer Schreihals, der eine Atempause des Auflaufs abwartete, um seine Wut herauszuschreien.
Die anderen Stadtwachen bejubelten aus voller Kehle den Vorschlag des Mannes, den die enge Masse augenblicklich wieder wie Treibsand verschlang.
Die Bauern und ihre Familien, welche an den Rändern des Pulks standen, sahen abgestumpft und schweigend zu.
Hastor hob beschwichtigend seine Hände, und die Menge, verstummte. »Erinnert ihr euch, als wir soviel Sold erhielten, dass es nur für das Nötigste reichte?«, fragte er eindringlich seine Gefolgschaft. »Was uns alles versprochen wurde? Doch was haben wir bekommen?«
»Nichts! Schicktn uns mit leeren Mägn innen Krieg!«, schrie eine Frau in der vordersten Reihe, der ein paar Zähne fehlten. »Sie spieltn nur mit uns. Ließn uns ihre Drecksarbeit machn.«
»Sie hat Recht!«, stimmte jemand dicht hinter ihr zu.
Hastor fuhr mit seiner Rede fort und wusste, dass jede ausgesprochene Silbe auf offene Ohren bei den Söldnern stoßen würde. »Erinnert ihr euch auch an das, was ich euch sagte? Habe ich euch nicht damals schon gewarnt, was kommen wird? Ich habe euch gesagt, dass sie sich gegen uns verschwören werden!«
»Sie haben alles für sich behalten!«, protestierte eine Stimme ohne Gesicht.
Ich begriff schnell, dass es sich bei dem Gefangenen nur um den früheren Söldnerführer Varga handeln konnte. Er und Großhändler Aren Marces stritten sich vor dem Angriff auf die Chaosklinge mehrmals über die ausstehende Bezahlung ihrer Männer. Und anscheinend hat der versprochene Sold nicht den Weg in die Taschen der Söldner gefunden. Kein Wunder das Varga kurz nach Beginn des Kriegs aus der Stadt geflohen ist.
Erneut erklang Zustimmung auf dem Vorhof der Taverne.
»Aber ich werde euch keine einzige Münze vorenthalten!«, versprach Hastor. »Ich gebe euch dieses Versprechen. Hier und jetzt! Einen Vertrag. Besiegelt mit seinem Tod«, und zeigte dabei auf den filetierten Haufen Fleisch, der neben ihm am Ast hing und langsam ausblutete. »Ich fordere von euch dafür nur eines, dass ihr mir vertraut! In unser altes Viertel können wir nicht zurück. Die Kala´thels haben die Unterstadt komplett gesäubert. Aber hier …«, bremste sich Hastor und breitete langsam beide Arme aus. »Seht euch um. Blickt auf den fruchtbaren Boden unter euren Stiefeln. Eure neuen Häuser, die um euch herum stehen. Frauen und Männer für jeden von euch. Mehr Sold als man uns je gezahlt hätte! Und das Beste«, lächelte Hastor, »eine neue Identität, die uns vor allem schützen wird und durch die wir hingehen können wohin wir wollen!«, und zupfte an seinem Wappenrock.
Jubel erschallte.
»Das haben wir alles Arius zu verdanken! Er schenkte uns ein neues Leben. Hier im Herzen Erdenheims können wir unsere neue Welt aufbauen. Als Gegenleistung schützen wir seine Felder gegen den Einfluss des Oberen Viertels und teilen den Profit! Nehmt ihr dieses Vertrauen an?«, fragte Hastor und der anfängliche Beifall wurde mit jeder verstrichenen Sekunden zu einem wilden Rausch hochkochender Wut, Euphorie und vernebelter Sinne.
»Dann lasst mich beweisen, dass ich mein Versprechen halten kann«, forderte Hastor. »Aber ich will nicht entscheiden über das Schicksal von Varga, dem feigen Abtrünnigen. Ich mache euch sein Schicksal zum Geschenk«, offerierte er mit einer Handbewegung.
Doch diese Geste war überflüssig. Die bewaffneten Söldner verlangten nach Blut und zerfledderten Vargas Körper wie ein Schwarm hungriger Piranhas.

Als ich und ein zweiter Sklave Vargas Überreste vom Ast des Ahorns herunterschnitten und auf eine vorher aufgeschichtete Feuerstelle warfen, wusste ich, warum mich der schwarze Söldner mitgenommen hatte: Die Soldaten wollten sich nicht die Hände mit etwas beschmutzen, was einmal ein Mensch gewesen war.
Die anderen Sklaven waren damit beschäftigt das viele Blut vom mittlerweile leeren Tavernenplatz zu wischen. Auch jetzt sprach keiner ein Wort und ich hütete mich irgendjemandem in die Augen zu schauen.
Wenige Schritte weiter saß der neue Söldnerführer auf einem scheckigen Hengst und biss in eine reife Tomate, dessen kerniger trüber Saft an seinem perfekt geschnittenen graumelierten Bart abperlte. »Weißt du, ich halte meine Versprechen«, erklärte Hastor. »Und ich habe es ernst gemeint, als ich sagte, dass ich mit dir und deiner Herrin noch nicht fertig bin.«
Ich reagierte nicht, sondern tat weiter meine aufgezwungene Arbeit.
Der schwarze Söldner bemerkte meine Ablehnung gegen ihn nicht. Ihm würde es ohnehin egal sein. Er wusste, dass seine Worte ihr Ziel fanden. »Ich denke nämlich nicht, dass der Großbauer nach ihrer Nummer mit dem Deserteur noch einen großen Nutzen von ihr hat«, stellte er schmatzend und nüchtern klar. »Genauer gesagt wird sich Arius um sie kümmern, wenn er zurück ist. Und dann kannst du sie neben dem Verräter vergraben. Aber nicht bevor ich ihr noch einen Besuch abgestatten habe«, sagte er und leckte sich die Lippen.
Ich hatte die Menschen satt. Besonders solche wie Hastor, die wussten wie man Massen für ihre eigenen Zwecke mit Charme, Lügen und Grausamkeit manipulierte. Kaum vorstellbar, dass der Großbauer auf den Höfen das Sagen hatte. Der schwarze Söldner wird mit Sicherheit nicht lange in seinem Schatten stehen wollen.
»Ich will dir ja keine Angst machen. Aber es sind gefährliche Zeiten, in der wir leben. Jeden Tag kommen Menschen ums Leben – überall auf Erdenheim. Ganz zufällig. Nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind«, schwadronierte Hastor in seinem sarkastischen Sinn für Humor und lehnte sich etwas zu mir herunter. Er stellte sicher, dass sich unsere Blicke trafen. »Und ich glaube, du gehörst zu dieser Sorte. Von dir gibt es viele: Versager die es im Leben zu nichts bringen werden«, schmähte er und schleuderte mir daraufhin die Reste seiner Mahlzeit vor die Füße. »Jetzt lächle doch mal. Du wirst wenigstens nicht alleine sterben. Im Galgenwald ist noch Platz. Dich werde ich persönlich zu den anderen Nichtsnutzen aufknüpfen, wenn ich mit der Elfenhure fertig bin!«, versprach er und trabte danach langsam samt seinen Offizieren davon.

»Der Typ ist ein richtiger Arsch«, stellte ein Sklave trocken fest, der auf der anderen Seite des Scheiterhaufens auf dem Boden kniete und mit beiden Händen das Blut vom Platz bürstete.
Die ehrliche stürmische Stimme kam aber von niemanden, der mich auf dem Karren zur Schenke begleitet hatte. Dieser kleinwüchsige, stämmige Kerl wurde erst gebracht, als es mehr zu tun gab, wie zuvor von den Offizieren angenommen.
Der Kurze mit der dicken Nase und der hellen Haut war sonderlich. Im Gesicht hatte er seinen mondlichtweißen Bart zu drei tentakelähnlichen Zöpfen verflochten, die durch ihre Länge die Blutlachen fast mit aufwischten. Sein kurzgeschnittener Pferdeschwanz wankte beim Putzen wild hin und her. Zugleich besaß er mehr Muskeln und Speck auf den Rippen als alle anderen Sklaven zusammen. »Ja«, stimmte ich ihm grüblerisch zu, »ein gefährlicher noch dazu.«
»Was hast du für ein Problem mit dem Großen? Hast du heimlich an seinem Mädchen genascht?«, fragte er mit einem lachenden »brhaha!«
»Nein, ich denke, er wollte mich nur einschüchtern.«
»Nä!«, verneinte er. »Es geht immer um ein Mädchen.«
»Wer bist du?«, fragte ich und lenkte das Thema ab auf eine Frage, die mich mehr interessierte. »Jemanden wie dich habe ich noch nicht gesehen. Schaust nicht aus wie ein Sklave.«
»Jemanden wie mich?«, fragte er schockiert und warf die Bürste in einen Blecheimer, sodass die schmutzige Blutbrühe hoch spritzte. »Veralberst du mich? Mach doch mal deine Augen auf, Jungchen. Du tust ja so, als hättest du noch nie einen Zwerg gesehen!«, sagte er lauthals und zog eine der buschigen Augenbrauen hoch. »Außerdem … wie erkennt man denn einen Sklaven, hä? Wenn du meinst, dass ich so aussehen müsste wie die dürren Zweige hinter dir, dann bin ich wohl kein Sklave. Aber wäre ich kein Sklave, warum wische ich dann freiwillig die Innereien von irgendeinem Niemand weg? Hä?«
Zwerge scheinen ein merkwürdiges Volk zu sein. »Dafür hast du recht gute Laune«, stellte ich fest.
»Die Braubärte waren noch nie bekannt für ihre schlechte Stimmung. Wir lieben das Abenteuer. Aber diese Erfahrung hier ist schon ziemlich grenzwertig«, gab er zu. »Selbst für einen Zwerg in den besten Jahren wie mich.«
»Die Braubärte?«
»Oh, verdammt!«, brummte er. »Was hat der Typ vorher nur gegessen?«, fragte er sich und schnippte ein wabbeliges Stück Gedärm weg, welches sich gleich eine der hungrigen Aaskrähen schnappte. »Thoran Braubart«, stellte sich der Zwerg vor.
Ich erwiderte seine Vorstellung, da ich nicht davon ausging, dass er irgendetwas von dem Deserteur gehört hatte. Außerdem hatte ich nichts zu verlieren. Vielleicht konnte er mir ja helfen, Sionas Bitte zu erfüllen.
»Du scheinst mir in Ordnung zu sein, Krayac. Redest nicht so viel wie der Große«, sagte Thoran, stand auf und wackelte heimlich mit einem Münzsäckchen herum. »Lag zwischen den Teilen unseres Kameraden hier. Hat wohl einer seiner Freunde vorhin beim Gruppenkuscheln verloren«, sprach sein schwarzer Humor. »Damit kriegen wir schon irgendwas Schmackiges«, und zeigte dabei auf den Betrunkenen Kobold. »Komm!«, forderte er mich auf »Heben wir einen Humpen!«
»Willst du das Geld nicht für dich selbst behalten? Ich denke nicht, dass du nochmal so viel Glück haben wirst.«
»Nä! Die Braubärte leben eher den Moment«, sinnierte er und schlenkerte auf den Eingang des Kobolds zu. »Jetzt komm schon. Sind eh keine Wachen mehr da. Lass die anderen die Drecksarbeit weiter machen. Wer weiß was uns die nächste Zeit noch erwartet. Und mit ein paar warmen Bier im Bauch lebt es sich doch gleich besser.«
Ich entschloss mich, mit dem Zwerg einzukehren. Mehr mit Neugier als Misstrauen. Gehört hatte ich von diesen halbwüchsigen schlagkräftigen Wesen. Aber in Wirklichkeit waren sie viel behaarter und scharfzüngiger als in den Erzählungen der Händler am Hafen.


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