Kapitel 2

Die Elfe und das Biest

Du hättest ihn einfach im Wald liegen lassen sollen!«, tobte eine zornige Männerstimme. »Wir haben schon die Mäuler der Bauern zu stopfen und die fressen uns jedes noch so unreife Maiskorn von den Feldern, wenn wir nicht aufpassen!«
»Dann … wäre er gestorben!«, schluchzte eine junge Frau. »W-warum bist du immer so kalt?«, fragte sie zaghaft.
Aber der Mann mit dem rauchigen Organ reagierte nicht darauf, sondern fuhr fort sie mit seiner herrischen Art zurechtzuweisen. »Er war ohnehin schon fast tot. Warum hast du ihn hierher gebracht?«
Die Frau antwortete nicht und Stille dominierte für wenige Augenblicke die Dunkelheit. Meine Augenlider waren schwer wie Stein. Warum konnte ich nichts sehen? Was machte ich hier? Und was mich noch mehr beunruhigte: Warum konnte ich mich nicht rühren?
»Du schweigsame Närrin, sieh dir sein Gesicht an!«, spie er lauter und kam hörbar näher an mich heran, sodass ich seinen faulen, beißenden Atem riechen konnte. »Es ist der Deserteur! Siehst du denn sein Brandzeichen nicht?«
Ein weiteres Schluchzen hallte durch den Raum und wurde durch ein, »hör auf zu heulen!«, abrupt beendet.
Ich spürte die Berührung einer warmen Hand auf meinem entblößten Fußknöchel. Ihre Haut war leicht feucht von den Tränen, die sie davor mit ihren Fingern abgewischt hatte.
Der Mann stand jetzt wieder weiter weg von mir und der Frau. Ich hörte seine unruhigen Schritte, welche den Holzboden quietschen und knarzen ließen.
Die Frau machte eine Bewegung nach vorne, behielt aber ihre Hand, wo sie war. »Hat er denn nicht eine zweite Chance verdient?«, fragte sie hoffnungsvoll mit festerer Stimme. »Du siehst doch was er offenbar durchgemacht hat.«
Das jaulende Holz verstummte. »Eine zweite Chance?«, erwiderte er ungläubig und für einen Moment wurde seine raue Stimme harmonisch leiser – nur um im nächsten Atemzug, wie die Welle eines Tsunamis zurückzukehren. »Verräter verdienen nichts anderes als den Tod!«, stellte er zischend klar. »Wäre es nach mir gegangen, dann hätten sie ihn damals gleich wieder zurück in den stinkenden Sumpf schicken sollen! Soll er dort doch verrecken!«
Meine Finger kribbelten vor Erregung.
Ich rief in Gedanken Klin´dorlin und Klan´gorhal – meine treuen Klingen. Dachte an das Schattenöl, welches wie die Wellen und Strudel der Finstersee durch die stählernen Adern ihrer sichelförmigen Schneiden strömte. Seitdem ich sie hatte, fühlte ich mich mit ihnen immer verbundener. Sie gaben mir Sicherheit und hatten sich diese machtvollen Namen verdient. Aber jetzt spürte ich sie nicht mehr. In mir tat sich Panik auf … Sie waren weg!
Adrenalin schoss durch meine Adern.
Mein Körper versuchte sich erfolglos, aufzubäumen.
Was war los mit mir?
Geschirr zersprang klirrend in der Nähe der wütenden Männerstimme und wurde begleitet von einer verzweifelten Frau, die ihren Griff unbewusst immer enger werden ließ. »Kann er nicht bleiben? … Bitte! Er kann doch später auf dem Feld seine Schuld abarbeiten und …«
»Was wenn er uns auch verrät?«, schnitt er ihr donnernd das Wort ab. »Er ist gefährlich, Siona! Verstehst du das denn nicht? Ich werde nicht zulassen, dass du mich und unsere Tochter wegen diesem Verräter in Gefahr bringst. Oder willst du, dass wir genauso ausgestoßen werden wie er?«
Siona reagierte nicht darauf, sondern versuchte weiter ihren Mann umzustimmen. »Er hat sicher auch eine gute Seite«, erwiderte sie. »Kein Mensch kann so böse sein. Und selbst wenn es stimmt, was alle sagen. Nehmen wir ihn nicht auf, wird er sterben. Und dann wären wir kein deut besser als er!«, stellte sie klar und hielt hörbar ihre Tränen zurück, um ernster zu wirken, aber diese Fassade währte nur kurz.
Der Mann stieß entnervt die Luft aus. »Du wirst nicht mich und Maya wegen deiner Gütigkeit in Gefahr bringen«, wiederholte er mit Nachdruck. »Oder soll ich lieber sagen wegen deiner Naivität
Der Boden auf dem ich lag, begann zu beben und federte augenblicklich wieder zurück.
Ich ertastete mit den Fingerspitzen einen weichen seidigen Untergrund. Ein Polster … ein Bett!
Die Frau stieß sich von mir ab und schritt auf ihren streitsüchtigen Mann zu. Ihr süßlich lieblicher Geruch wehte mir entgegen, als sie aufstand. Ein Duft von Blumen und Honig. Ihre Nähe fühlte sich gut an und trotz der ernsten Situation zärtlich und behutsam.
Doch ihre Stimme verbarg mehr als Tränen, aufgrund eines Streits zwischen einem sich sonst liebenden Ehepaars. Ich spürte eine tiefe Einsamkeit in ihr.
»Lass Maya da raus, Arius«, protestierte sie warnend. »Du interessierst dich doch nur für dein Geld und deine Macht über die Bauern, deren Land du seitdem Krieg nicht mehr zurückgibst. Wann hast du jemals etwas für andere getan anstatt für dich selbst?«, stellte sie klar und hielt kurz inne um ihren ungezügelten Charakter wirken zu lassen. »Ich habe den Galgenwald gesehen, Arius. Ich habe gesehen, wie die Söldner, die hierher geflohen sind, all die armen Bauern aufhängten. Und sogar von den Soldaten der Stadtwache machst du nicht …«
Bevor sie den Satz beenden konnte, beendete ein klatschendes Geräusch ihren Monolog. Es hörte sich so an, als ob jemand mit einer flachen Hand auf eine Wasseroberfläche schlug.
Die Frau krachte mit einem Stöhnen zu Boden.
Arius brüllte. »Halt den Mund! Ich muss mir das von einer Sklavin nicht anhören. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Außer, dass ich dich gekauft habe! Es sind ohnehin schon zuviele Feldarbeiter, die unerlaubt von der Ernte fressen oder sich gleich damit aus dem Staub gemacht haben. Ich werde die Söldner zu nutzen wissen!«
»Bitte, Arius …«, bibberte Siona.
»Jetzt werde ich dir zeigen, wie sehr ich mich um andere kümmern kann, du dreckige Elfe!«, fegte er und zog unüberhörbar ein Messer.
»Bitte nicht. Lass mein Ohr … lass mich los!«, schrie sie schmerzerfüllt aus voller Kehle.
»Hör auf meine Tochter mit deinem weichen Herz zu verderben! Sonst schneide ich dir dein anderes Ohr auch noch ab und lasse dich als Sold von jedem einzelnen meiner Söldner besteigen. Bis sie dir deine Gutmütigkeit rausgevögelt haben!«, hämmerte er die erniedrigenden Worte in die Ohren seiner armen Frau.
Bevor die Situation vorbei war, hörte ich noch zwei Geräusche: das dumpfe Schlagen eines Schädels auf massives Holz und das knarrende Scheppern einer zugeschlagenen Haustür. Und ich lag nur da … und konnte nichts machen.

Der Klang einer Glocke scholl durch das Jenseits.
Ich stand erneut auf demselben Weg, wo mir einst das Auge Visionen meiner toten Eltern und dem offenen Grab des Hochapothekers zeigte.
Aber diesmal war dort nichts.
Keine Toten
Keine Knochenhügel.
Ich spürte den steinigen Untergrund an meinen Füßen. Aber als ich an mir herabblickte, sah ich nur den Nebel, der mich umschloss.
Meine Lungen sogen tief die trockene Luft und doch atmete ich nicht.
Auf meiner Zunge schmeckte ich Asche und doch existierte sie nicht.
Erneut nahm ich den Glockenschlag wahr. Er durchfuhr meine körperlose Gestalt und war das einzige Geräusch im Totenreich.
»Ist hier wer? … Hallo?«, hörte ich mich mundlos rufen. Als wäre ich nicht allein widerhallte meine Frage im Nebel, bis sie immer leiser wurde und schließlich verstummte.
Nur der Glockenschlag behielt seinen eisernen Klang und ertönte in einem langsamen schalllosen Rhythmus.
Meine Füße trugen mich in Richtung der Glocke. Erhaben, wie ein Leuchtturm, wies sie mir den Weg.
Etwas zog mich vorwärts. Der Ruf des Auges … Der Titan!
»Wer bist du?«, fragte ich in den Nebel.
Als Antwort ertönte wieder der dumpfe Klang. Diesmal stärker mit einem hohen metallischen Nachklingen, je näher ich der Glocke kam.
Jeder Schritt auf dem Weg war gleich und wegen dem Nebel sah es aus, als ob man auf der Stelle stehen würde.
»Was willst du von mir? … Wo führst du mich hin?«


Irgendetwas zwickte mich in die rechte Schulter und holte mich aus meinem eigenartigen Alptraum zurück.
Rief mich das Auge jetzt schon im Schlaf? Gibt es also doch noch Hoffnung für meine Rache?
Schnell gesellte sich zu dem Zwicken ein Ziehen. Ein Gefühl als ob ein Angler seinen Fang aus dem Wasser zog.
Immer wieder zog und zwickte es. Mindestens ein Dutzend Mal.
Meine Augen waren schwer und verklebt. Ich fühlte mich träge. Hat Arius mich schon zum Sterben in den Wald bringen lassen? Fraßen sich die Tiere an meinem todgeweihten Körper bereits satt?
Doch zwischen all dem Zwicken und Ziehen hörte ich ein metallisches Klicken. Immer wieder klickte es. Das war kein Tier und auf einem Waldboden lag ich auch nicht, wobei das Polster unter mir sich mit dem weichen Moos am Fuße eines Baumes vergleichen lassen würde.
Dann duftete es überall nach Blumen.
Lag ich noch auf dem Bett?
Wo war die Elfe? Ging es Siona gut?
Nachdem das Klicken aufhörte, berührte jemand meine Schulter und kugelte sie leicht herum.
Ein übler Gestank löste den blumigen Geruch ab und wurde schnell intensiver.
Ein kitzelndes brennendes Gefühl streichelte über meine Schulter und hinterließ eine kalte feuchte Masse.
Die Hand begann daraufhin wieder an mir herum zu drücken und dann klebte etwas Weiches an mir.
»Fertig!«, verkündete eine basshaltige männliche Stimme. »Ich habe die Wunden gesäubert und genäht. Es ist zum Glück nichts gebrochen. Er muss irgendetwas spitzes abbekommen haben. Vielleicht haben ihn ein paar Kinder mit einem Stock gepiesackt«, schmunzelte er.
»Danke Milton«, reagierte daraufhin eine sanfte freundliche Stimme, die von Siona stammte.
»Er hat Glück gehabt. Aber die Nachtblütensalbe sollte das wieder hinbekommen. Solange ihn der Gestank nicht umbringt«, lachte er hämisch und war hörbar überzeugt von seiner Arbeit.
Schritte kamen näher und die Frau legte ihre warmen Hände auf meine Brust. »Ich bin so froh das du mir hilfst, Milton. Was bin ich dir schuldig?«
Der Mann tat verlegen. »Ach! … Nein, das war doch nichts«, lachte er. »Siona, du bist mir nichts schuldig«, stellte er klar. »Deine Schönheit ist mir Dank genug.«
»Du alter Charmeur. Jetzt machst du mir aber ein schlechtes Gewissen«, winkte sie sichtlich berührt ab. »Ich schicke nacher Maya mit deinem Lieblingskuchen rüber. Ok?«
Milton leckte sich hörbar die Lippen. »Zu deiner Walderdbeerentorte sag ich nicht nein!«, schmatze er freudig und packte währenddessen seine Tasche. »Vergiss nur nicht regelmäßig den Verband zu wechseln.«
»Ganz sicher nicht Milton und danke nochmal für deine Hilfe und deine … Verschwiegenheit.« Das letzte Wort sprach Siona leiser und überhaupt behutsamer aus.
»Du wirst deine Gründe haben den Deserteur bei dir aufzunehmen«, sagte Milton und wurde in seinem Ton nicht unfreundlicher. »Wer bin ich dich in Frage zu stellen? Außerdem … kann ich ihn verstehen. Ich wäre vermutlich auch abgehauen, wenn eine Horde Graupelze versucht aus meinen Ohren eine Halskette zu machen. Schade nur …«, setzte er dramatisch an, »dass er nicht mehr lange leben wird. Ich meine wäre schade um meine Arbeit.«
Siona schreckte mit einem Stottern auf. »D-Du wirst Arius doch nicht erzählen, dass ich ihn nicht rausgeworfen habe, … oder?«
Milton schüttelte den Kopf. »Ich kann Verräter zwar nicht leiden, aber wie gesagt ich verstehe warum er sich lieber entschieden hat ein Feigling zu sein.«
Siona wirkte erleichtert. »Jetzt hast du mir aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«
Milton öffnete mit lautem Quietschen eine Tür. »Soll ich mir die Wunde an deinem Kopf nicht auch noch ansehen?«, hielt er inne. »Du sagtest, du bist gestürzt?«
Von draußen wehte ein entferntes Kinderlachen mit dem heulenden Wind ins Haus.
»J-Ja«, zögerte sie. »Ich bin über eines von Mayas Spielzeugen gestolpert … aber egal!«, lächelte sie abwehrend. »Jetzt spielt sie ja draußen.«
Der Mann atmete mit einem Seufzer aus. »Du hast recht. Jetzt wo ich sie sehe spielt sie wie ein kleiner Wirbelwind. Komisch nur …«, hielt er inne und seufzte erneut, »dass du in letzter Zeit … sehr oft hinfällst
Sionas Stimme wurde nervöser. »Ja, du hast Recht. Ich bin einfach zu ungeschickt … Aber ich habe ja dich, sollte ich mich ernsthaft mal verletzten«, witzelte sie und ließ ihre Hand von mir ab und ging auf ihn zu. »Mach dir keine Sorgen um mich Milton. Ich verspreche auf mich aufzupassen.«
Milton wurde wieder fröhlicher. »Wahrscheinlich hast du recht. Ich mache mir sicherlich nur grundlos Sorgen um dich. Wann sagtest du kommt Arius wieder?«
»Frühestens in ein paar Wochen«, meinte sie. »Jedenfalls solange, bis über die Nachfolge des Großhändlers im Palast des Fürsten abgestimmt wurde. Es hängt viel von dieser Entscheidung ab, und er wird sich jede Zeit nehmen, Einfluss auf die Wahl zu nehmen. Du weißt ja wie er ist.«
»Hmm … Die Zeit sollte reichen deinen Gast wieder auf die Beine zu bringen«, dachte Milton laut nach und klimperte mit etwas herum, das sich wie Glas anhörte. »Hier«, sagte er. »Eisenrindensaft. Sollte das Fieber wieder schlimmer werden, was ich nicht glaube.«
»Nochmals Danke, Milton. Du bist hier immer willkommen!«
Miltons Stimme wurde leiser als er sich weiter vom Haus entfernte. »Achja, eins noch. Die Betäubung, die ich ihm bei seiner Ankunft gegeben habe hört bald auf zu wirken. Dann quiekt der Feigling bestimmt wie ein Ferkel, das man den Schwanz abgeschnitten hat«, lachte er herzhaft und aus vollem Leib.
Siona antwortete nicht.
»Dann machs mal gut … Tschüss Maya!«
»Tschüss Onkel Milton!«, hörte ich eine Kinderstimme, während die Tür zurück ins Schloss fiel.
Sionas Schritte und ihr anziehender Duft kamen näher und setzte sich zu mir an die Bettkante. »Auch wenn du mich nicht hören kannst«, sagte sie erschöpft. »Ich glaube nicht, dass du ein Feigling bist.«

Die Nebelwand öffnete sich.
Ein zur Hälfte eingestürztes Haus schälte sich aus dem Nebel. Eine Hütte notdürftig gestützt mit Gebeinen und Totenschädeln. Ihr Dach flach und brüchig – die Vorderseite offen.
Der Schornstein qualmte. Gespeist durch eine Feuerstelle, in der schwarzes Feuer ungezähmt loderte.
Die Wände, die den Verfall trotzten, waren gespickt mit abgewetzten Hämmern und Zangen in verschiedenen Formen und Größen.
Und zwischen ihnen und dem dunklen Feuer stand ein gewaltiger Amboss, der in kräftigen Rottönen in Ewigkeit rostete.
Ihm gegenüber ein Mann. Ein toter Mann. Ein Schmied.
Seine Augenhöhlen waren leer. Einzelne Haarstränge hingen an Hautfetzen an dem knochigen Schädel herunter.
Der Schmied trug eine löchrige Lederschürze. Sein Skelettarm schwang einen gestählten Hammer auf den Amboss und der Klang der Glocke ertönte erneut.
Es war keine Glocke.
Nur ein Schmied mit seinem Hammer.
Und ein Schwert.
Ein großes … böses … Schwert.
Und der Nebel wisperte den Namen: »Sulfur.«


»Wieso hast du das im Gesicht, hä?«, hörte ich es in meinem Kopf dröhnen. »Mami? Warum liegt der Junge da? Und warum schläft er die ganze Zeit? Ich will doch mit ihm spielen!«
Kleine Finger fuhren über mein Gesicht und begannen auf meinem Brandzeichen herum zu kratzen. »Bäh! Mach das weg!«
Ich fuhr erschrocken hoch, als die Narbe zu Schmerzen begann, obwohl sie schon so lange verheilt war.
»Maya! Hör auf ihn zu ärgern!«, heulte Sionas Stimme auf wie eine Sirene.
Als ich meine Augen nach einer gefühlten Ewigkeit wieder langsam öffnete, brannte das Tageslicht so hell, dass ich die großen braunen Rehaugen, welche mich neugierig anstarrten, fast übersah.
»Tschuldigung, Mami«, flüsterte Maya und gewann im nächsten Moment wieder an Lautstärke. »Bist du jetzt endlich wach?«
»Wa … Was?«, fragte ich desorientiert.
Siona rief erneut. »Maya, geh jetzt endlich von ihm runter.«
Das Mädchen versuchte erst gar nicht, der Bitte ihrer Mutter nachzukommen. Sie saß auf meinen ausgestreckten Beinen und starrte mich weiter an. »Was hast du da unter dem roten Tuch?«, fragte Maya und begann im selben Moment auf der frisch genähten Wunde, wie auf einem Spielzeug, herum zu drücken. »Bäh! Das stinkt!«
Kurz wurde mir schwarz vor Augen, als ich mich vor Schmerzen erneut aufbäumte und mit einem verzerrten Schrei wieder auf das Kissen zurücksank.
»Maya!«, schrie Siona aus der Küche, eilte ins Nachbarzimmer und zog ihre Tochter mit einem Ruck von mir runter. »Geh jetzt und bring Onkel Milton seinen Kuchen!«
Maya schluchzte. »Aber er wollte doch mit mir spielen«, rechtfertigte sie sich enttäuscht. Eine Träne rann ihr dabei über die Wange.
»Das kannst du nachher noch. Jetzt geh und rede mit niemanden. Nur mit Onkel Milton. Ok?«
»Verstanden, Mami«, schluchzte Maya erneut und trottete samt Kuchen aus dem Haus.
Siona gab ihrer Tochter noch einen Schmatz auf die Wange und sah ihr noch eine Zeitlang besorgt hinterher. Daraufhin schloss sie die Tür und kam langsam zurück. »Entschuldige, bitte«, sagte sie. »Sie ist nicht immer so aufgedreht. Nur wenn Besuch da ist und das … ist nicht oft.«
Ihre Silhouette war durch das hereinscheinende Licht wie eine Sonnenfinsternis. Die Konturen ihrer Gestalt glühten und sie selbst war in Dunkelheit verborgen.
Meine Augen gewöhnten sich immer mehr an die Umgebung und als Siona näher auf mich zukam und sich wieder auf die Bettkante setzte, verschlug es mir den Atem, was jeden Schmerz vergessen ließ.

Milton hatte recht. Sie war wunderschön. Eine naturbelassene Schönheit in einem blauen Bauernkleid.
Ihre blondbraunen Haare waren auf der linken Seite bis zum Scheitel abrasiert und auf der anderen zu einem dicken langen Zopf zusammengebunden.
Von der Farbe erinnerte mich ihr Haar an das Fell eines Straßenköters. Wobei sich der Vergleich schlimmer anhörte, als ich meinte. Sie wirkte damit ungestümer und leidenschaftlicher.
Ein langes spitzes Elfenohr ragte in die Höhe und ich erinnerte mich, als die Kala´thels vor einiger Zeit begannen, diese mysteriösen Wesen zu versklaven.
Die meisten wurden eingetauscht gegen Menschen, die dem Adel zuwider waren. Sie steckten ihre Waren in die voluminösen Bäuche der Handelsfregatten und schickten sie über die Finstersee in ferne Königreiche. Zurück kamen Elfen, die als Liebesdiener oder Vorzeigeobjekte endeten und keinerlei Rechte besaßen. Ihr Besitzer oder ihre Besitzerin konnten mit ihnen machen, was sie wollten.
Es machte mich traurig, dass ich so die Völker der Welt kennenlernen musste und mit Sicherheit waren die Elfen nicht die letzten, welche die Familie Kala´thel unterwarf.
»Was starrst du mich so an?«, fragte Siona schüchtern und wendete ihren Kopf, mit dem Bluterguss an der Schläfe, leicht ab. Eleganz, Unschuldigkeit und Feuer fanden sich in ihren feinen Gesichtszügen und umspielten ihre türkisfarbigen Augen, welche mich vom einfallenden Tageslicht verstohlen von der Seite anfunkelten.
Ich schämte mich, weil ich mich in ihrem Antlitz verlor und kein Wort herausbrachte. Als wäre ich ein Schatzsucher der gerade auf seine lang gesuchte Beute gestoßen war.
Die Antwort blieb ich ihr schuldig und richtete mich so auf, dass ich auf meinem Kopfkissen saß und mich gegen die Wand hinter mir anlehnen konnte – ohne den Blickkontakt zu Siona zu brechen.
Der Preis dafür war, dass sich die Nähte noch mehr zusammenzogen und die gereinigte Wunde in regelmäßigen Abständen schmerzend pochte.
Siona war meine Verlegenheit nicht entgangen und beugte sich vor, um den verrutschten Verband wieder an die richtige Stelle zu rücken. Die Spitzen ihrer Haare streiften meinen entblößten Oberkörper und mein Blick fiel dabei auf ihr wohlgeformtes Dekolleté, welches aber nicht übertrieben oder anzüglich wirkte. »Nicht«, sagte sie in sanfter Strenge. »Du darfst deine Schulter nicht so stark belasten.«
Dann erhaschte ich einen Blick auf ihr Ohr, das ihr Bastard von einem Mann an der Spitze abgeschnitten hatte. Zum Glück war die Verletzung nicht so schwerwiegend, sodass sie die Wunde selber notgedrungen versorgen konnte. Aber es hätte auch schlimmer ausgehen können.
»Danke«, sagte ich in einer Tonlage, die man als Flüstern bezeichnen konnte.
Siona lächelte erfreut und sank wieder zurück auf den gepolsterten Bettkasten. »Ich hoffe Maya hat dich vorhin nicht zu arg erschreckt. Sie ist sehr neugierig und wartet schon seit Tagen, dass du endlich aufwachst.«
»Nein, hat sie nicht«, erwiderte ich und fand meine Fassung langsam wieder. »Ich war nur etwas … überrascht.«
»Ich hol dir etwas Wasser. Du musst durstig sein«, meinte Siona und ging in die Küche.
Meine Schlafstätte lag unter einer schrägen Wand eines Wohnzimmers. Schief wuchs sie empor und endete in der Hauswand – eine Treppe.
Siona passierte einen Esstisch und nahm ein Glas von einer Kommode direkt neben der Küchentür.
Ihr Bein war durch einen modischen Schnitt an der Seite zu sehen und ich genoss ihr Profil, während sie in der Küche das Glas mit Wasser füllte.
»Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte ich. »… Wo bin ich?« Und trank gierig den randvollen Becher aus, den Siona mir reichte.
Mit einer Handbewegung mahnte mich Siona, behutsamer zu trinken. »Langsam«, lächelte die Elfe. »Dein Körper muss sich erst wieder daran gewöhnen. Du warst einige Tage bewusstlos. Jetzt bist du in meinem … unserem Haus. Meine Tochter kennst du ja schon. Mein Mann, Arius, wohnt auch hier. Er ist der Großbauer«, erklärte sie.
»Das letzte an was ich mich erinnern kann war, dass ich ohnmächtig wurde«, sagte ich und schüttelte die Benommenheit aus meinem Kopf.
»Dafür waren deine Träume sehr lebhaft. Du schläfst sehr schlecht. Aber du hattest Glück«, antwortete Siona und tupfte mir mit einem angefeuchtet Tuch die Schweißperlen von der Stirn.
Erleichtert von der Kühle atmete ich auf und erinnerte mich an eine Gestalt hinter einem Baum. »Hast du mich gefunden?«, fragte ich neugierig.
Siona schüttelte den Kopf. »Das war Maya«, sagte sie und füllte das Glas noch einmal nach. »Sie war beim Beerenpflücken im Wald. Sie erzählte mir aufgeregt, dass sie dort einen Mann gesehen hat, der vor ihr leblos ins Gras fiel. Und als Maya von dem Brandzeichen im Gesicht sprach, wusste ich, dass du es warst: Krayac, der Verräter, dessen Namen man vergessen sollte.«
»Du wusstest von meiner Narbe?«
»Nur von Erzählungen«, antwortete sie. »Oder besser gesagt, ich habe gehört, wie man dich behandeln sollte, wenn man dich antrifft«, sagte Siona vorsichtig und versank kurz in Gedanken.
Dann verschluckte ich mich beinahe am Wasser. »Wie man mich behandeln sollte?«, wiederholte ich.
»Die Stadtwache verteilte nach dem Krieg Steckbriefe im ganzen Land. Verschließt eure Türen, beachtet ihn nicht, stand darauf. Lasst nicht zu, dass er das Futter der Schweine klaut. Gewährt dem Verräter keinen Unterschlupf, hieß es weiter. Uns allen wurde gesagt, dass wir dich meiden sollen. Sperrt eure Kinder mit euch ins Haus, wenn er euch begegnet. Erinnert ihn jeden Tag daran, dass hier kein Platz mehr für ihn ist. Und jeder der diese Regeln bricht begeht selbst Verrat am Fürsten und erwartet dieselbe Strafe.«
Ihre Worte, waren schwer zu ertragen, weiß ich doch jetzt, was alle von mir dachten oder denken sollten. »Und trotzdem nimmst du selbst diese Strafe in Kauf?«, wollte ich wissen. »Nur um mir zu helfen?«
Die Elfe ging zum Fenster neben der Haustür, um etwas Abstand zu gewinnen. Es fiel ihr sichtlich schwer, die nächsten Worte auszusprechen, und starrte aus dem Fenster. Dann drehte sie sich mit dem Oberkörper dramatisch zur mir um. »Ich hatte gehofft, dass du mir im Gegenzug für deine Genesung vielleicht … helfen könntest?«

Das bittere Gefühl der Enttäuschung durchfuhr mich. Hatte ich durch Sionas Fürsorge kurz vergessen, dass auch Zuwendung ihren Preis hatte. »Und bei was brauchst du meine Hilfe?«, fragte ich, während meine Hand mit dem Wasserglas zu schwitzen begann.
Siona zupfte nervös an den Spitzen des Haarzopfs herum, welcher auf ihrem enthüllten Schlüsselbein lag und holte für ihre Antwort unerwartet weit aus. »Glaubst du ans Schicksal, Krayac?«
»Bei dem was mir alles widerfahren ist, will ich das nicht hoffen«, erwiderte ich und stellte den Becher auf einen kleinen Beistelltisch.
»Ich weiß es ist viel verlangt und dass du mich nicht kennst. Aber ich glaube, dass es das Schicksal war, das dich hier her geführt hat – in mein Zuhause«, erklärte Siona. »Auch ich habe viel verloren. Ich weiß wie es ist, seiner Heimat beraubt worden zu sein«, antwortete die schöne Elfe und jedes Wort fiel ihr schwer von der Seele. »Jeden Tag denke ich an meine Familie, der ich entrissen wurde, nur … um als Sklavin verkauft zu werden. Jetzt hält mich Arius wie eines seiner Tiere im Stall und … behandelt mich auch so«, klagte Siona und setzte sich trübsinnig auf den gepolsterten Kommodenstuhl.
Meine verschlossene Haltung verflog ein wenig, als ich sie so sitzen sah. »Kannst du und deine Tochter nicht einfach von hier verschwinden?«, schlug ich vor und betrachtete ihr schuldloses Gesicht. »Der Schwarzastwald ist nah und unberührt. Niemand wird euch dort finden.«
Sionas müde Augen blickten mich umsichtig an. »Maya liebt ihren Vater und würde niemals mitkommen«, erwiderte sie hilflos. »Ich kann sie doch nicht alleine bei diesem Monster lassen. Und außer Milton kann ich hier niemanden um Hilfe bitten. Zu lange schon wächst Schwermut und Hunger auf den Feldern und seitdem Arius diese Söldnerbande aufgenommen hat, fürchtet jeder versklavt oder hingerichtet zu werden.«
Ich erinnerte mich daran, dass Siona und ihr Mann während ihres Streits die Söldner erwähnten. Hat die Chaosklinge den Kampf gewonnen? Sind sie ihrem Anführer gefolgt und deswegen aus der Stadt geflohen? »Was hat Arius mit ihnen vor?«, fragte ich so nachsichtig wie möglich.
»Ganz genau weiß ich es nicht. Arius erzählt mir nur selten etwas«, antwortete sie angestrengt und ertastete schmerzerfüllt ihr abgeschnittenes Ohr. »In einem Gespräch zwischen ihm und dem Anführer der Söldner habe ich nur mitbekommen, dass er den Befehl erteilt hat, alle Stadtwachen auf den Höfen umbringen zu lassen. Jetzt tragen sie ihre Rüstungen. Er will sich wohl vom Einfluss des Fürsten lösen, um den Großteil des Profits einzustreichen.«
»Ich würde lügen, wenn ich sage, das sind die krankesten Worte, die ich je gehört habe«, erwiderte ich. »Aber wie soll ich dir dabei helfen?«, überlegte ich laut und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf meine verletzte Schulter.
Dann zuckte Siona ratlos mit den Schultern und wischte sich anschließend eine Träne mit dem Ärmel ab. »Tut mir Leid«, schluchzte sie. »Als ich dich gesehen habe, dachte ich nur, dass gerade du meine Geschichte verstehen würdest. Jeden Tag meines Martyriums bete ich zu allen Göttern, die ich kenne und hatte gehofft, das einer von ihnen mir helfen würde. Es kann doch kein Zufall sein, dass du jetzt hier bist. Jemand oder etwas muss dich geschickt haben. Ich bitte dich Krayac, ich weiß nicht wie, aber bitte versprich, dass du mir hilfst«, sagte sie und sah mich hoffnungsvoll mit gefalteten Händen an.
Ich wusste, dass ich in Sionas Schuld stand. Auch wenn sie mich nur aus Eigennutz aufgenommen hatte und ich ihren Glauben vom Schicksal nicht teilte. Konnte ich sie einfach so im Stich lassen? Das Schicksal der Bauern war mir egal. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich jeden auf diesen verdammten Feldern erschlagen und von hier verschwinden. Aber Siona war kein Mensch – sondern eine Elfe. »Meine Waffen«, sagte ich entschlossen, »sie liegen in einer Hütte im …«
Sionas Minenspiel wurde schlagartig trauriger, als sie ohnehin schon war, und ich hielt inne. »Ich muss dir noch etwas sagen … Während der letzten Tage, die du geschlafen hast, haben Arius Söldner begonnen die Höfe von der Außenwelt abzuschotten … Sie nennen ihre Barrikade … den Galgenwald. Dort knüpfen sie all die armen Seelen auf, die sich ihnen widersetzen – und er wächst mit jedem Tag.«
Meine Mundwinkel verzogen sich zu einer verängstigten Grimasse. »Willst du damit sagen, dass ich aus diesem Massengrab nicht mehr herauskomme?«
Einzelne Tränen liefen immer noch über Sionas Gesicht. »Nein«, sagte sie verbittert. »Hier … kommt niemand mehr raus.«