Kapitel 1

Exil

Wie beschreibt man einen Anfang, wenn man das Ende bereits erreicht hat? Wenn die Gegenwart keine Zukunft mehr zeigt und geliebte Erinnerungen zu verblassen drohen. Wo man nicht mehr sagen kann, was schwerer wiegt: Die Hoffnungslosigkeit, welche den Dauerzustand meines Lebens symbolisiert oder die Gewissheit, dass man selbst zum Bösen geworden ist.
Es ist kalt geworden … in mir. Kälter als es ohnehin schon gewesen ist.
Ich weiß, dass ich kein guter Mensch bin. Weder bin ich ein stiller Held, weil ich ein totes Mädchen und ihre geschändete Mutter gerächt habe, noch ein gesetzestreuer Bürger, der für das Wohl der Gesellschaft sein Leben in Normalität, Arbeit und Gewohnheit fristet.
Wenn ich mit jemandem über meine Gesinnung sprechen würde, könnte ich heute nicht mehr sagen, für welche Werte ich einstehe oder was mir im Leben als wichtig erscheint. Dennoch bezeichne ich mich als rechtschaffen, nur folge ich mittlerweile meinen eigenen Regeln. Denn was wäre gerechter, als den Mann töten zu wollen, der so viel Leid und Unheil über Erdenheim brachte.
Fürst Arian Kala´thel hat den Tod verdient. Das steht fest. War er es, der den Verstand der Menschen vergiftete und ganze Generationen in den Krieg gegen die Hortlinge hetzte.
Er machte vor einigen Jahren die Graupelze in den Sümpfen für die mysteriöse Seuche verantwortlich, die Nêrath befiel und einen Großteil der Einwohner dahinraffte.
Die Kala´thels wussten, wie man sich das ausgebrochene Chaos zu nutzen machte, und schotteten sich mit einer gewaltigen Mauer von den verseuchten Stadtteilen ab.
Der Reichtum blieb beim Adel und der Rest der Bevölkerung verarmte zunehmend.
Arroganz und Habgier war den Hochgeborenen in die Wiege gelegt. Sie beuteten ihre Untergebenen und das Land systematisch aus. Irgendwann existierten die Menschen auf Erdenheim nur noch, um die Lustbarkeiten der Kala´thels zufrieden zu stellen und ihre hohen Steuern zu bezahlen. Wer dies nicht schaffte, wurde versklavt.
Solche Worte sollten mich eigentlich traurig machen. Und in gewisser Weise bin ich es. Ich vermisse die Zeit vor der Seuche, als die Menschen noch alle gleich waren.
Doch niemals kann ich vergessen, was sie mir nach dem Krieg antaten: Die Bewohner nannten mich einen Deserteur und verstießen mich aus meiner eigenen Heimat. Und damit ich ein Ausgestoßener blieb, ritzte mir die Stadtwache ein D ins Gesicht.
So entstand eine Narbe, die jede Tür auf Erdenheim verschließt. Ein Ruf, der jede menschliche Unterstützung bereits im Vorfeld versiegen lässt.
Seit diesen schrecklichen Tagen denke ich oft daran, dass ich damals auf dem Schlachtfeld hätte sterben sollen – zusammen mit meinen Waffenbrüdern. Ich hatte es nicht verdient, als Einziger heimzukehren. In den Sümpfen ließ ich alles zurück … selbst meine Menschlichkeit.
Habe ich doch nie darum gebeten in einen sinnlosen und falschen Krieg zu ziehen – nie darum gefleht wie ein Stück Dreck behandelt zu werden. Aber ich hoffe seit meiner Rückkehr, es allen heimzuzahlen.
Nein, die Menschen Erdenheims interessieren mich nicht mehr. Und am liebsten würde ich sie alle töten. Ich hasse sie … ich hasse sie alle!

Ich spüre jeden Tag, wie sich dieser finstere Schleier immer enger um meine Seele legt und meinen Verstand verdunkelt.
So lange säe ich schon die dunklen Samen des Hasses. Gieße sie regelmäßig mit meiner Wut auf die Welt und rede ihr immer wieder mit Verbitterung und Selbstmitleid zu.
Aber wenn jemand meine Geschichte irgendwann liest, würde er oder sie sich wundern, wenn dieser farblose Baum nun verderbliche Früchte trägt? Wäre ein anderer Mensch unter denselben Bedingungen nicht zu einer von Hass zerfressenen Gestalt geworden, der es nur noch um das Töten geht?
Wer würde meinen Leidensweg verstehen? Habe ich mir selbst nie wirklich die Zeit genommen, meine Lebensart zu hinterfragen.
Seitdem ich zu einem Meistermörder ausgebildet wurde, nehme ich den Tod anderer in Kauf, wenn es mir als der richtige Weg erscheint.
Denn durch meine Entscheidung hatte ich ein neues Zuhause gefunden … Jedenfalls dachte ich das.
Meine anfängliche Hoffnung entpuppte sich schnell zu einem Krieg um den Fürstenthron, der noch absurder wurde, als ich herausfand, dass Gildenmeister Terok und Hochapotheker Teris zusammen die Seuche entfachten.
Was für ein kranker Plan, bei dem mir die Worte fehlen. Als Terok mich aufnahm, mochte ich seine Idee von einer Zuflucht für Heimatlose und Geächtete. Aber das dies alles nur Fassade war, lässt mein Herz bluten.
Bevor ich Terok meine Schattenklingen in seinen gebrechlichen Körper rammte, erzählte er mir etwas, bei dem sich jeder Atemzug anfühlte, als würde ich jeden Moment ersticken: Er behauptete, ich wäre ein unbekannter Sohn des Fürsten – ein Thronerbe! Und bot an, zusammen über Erdenheim zu herrschen.
Ich versuche diese Gedanken, wie lästige Regentropfen abzuschütteln. Niemals fühlten sich Worte so falsch und kalt an.
Aber wenn die Wahrheit meiner Herkunft nur eine schlechte Lüge Teroks war, warum kannte mich dann Tezza Kala´thel, als sie mich zum Sterben in der Villa des Großhändlers zurückließ? Sie sagte zu mir, dass der Thron ihres Vaters ihr gehöre und unser Aufeinandertreffen zu einem späteren Zeitpunkt hätte erfolgen sollen.
Dieser Kampf um den Thron widert mich an. Tauscht man doch nur Cholera gegen Pest.
Schlussendlich brach Tezza mit einer angeheuerten Söldnerarmee auf, die ganze Stadt zu erobern – keine Ahnung, ob sie es geschafft hat. Das Letzte, was ich sah, waren Rauchwolken am Himmel über Nêrath.
Was ich aber mit Sicherheit weiß, ist, dass mir Tezza immer einen Schritt voraus ist und zwischen mir und meiner Rache steht.
Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, trieb sie einen Dolch ins Herz des Hochapothekers und raubte ihm das silberne Amulett mit dem rubinroten Stein – das Auge!
Seit jenem Tag ruft mich das Artefakt und bietet mir Macht für meine Vendetta. Denn anscheinend schützt sich der Fürst mit mehr als nur Mauern und Wachen.
Mein Kopf schmerzt bei dem Gedanken, dass Tezza um die Macht des Amuletts weiß.
So sehr sehne ich mich nach dem Auge. Einen Drang wie diesen habe ich noch nie verspürt.
Ich hoffe, dass es für meine Rache noch nicht zu spät ist, zeigte mir das Auge doch Visionen eines einäugigen, hilfesuchenden Titanen und seinen rätselhaften Fingerzeig auf das offene Grab des Hochapothekers.
Was will der Titan von mir?

Ich legte die Schreibfeder samt Tintentöpfchen zur Seite und pustete sanft die Pergamentseiten meines Tagebuchs trocken.
Vor mir erstreckte sich die Dunkelheit, denn der Schein der dünnen Kerze reichte nur bis zu den Rändern des gealterten Tisches und hinterließ einen See aus gelbem Wachs.
Die Finsternis war wie ein Spiegel. Nicht für den materiellen Beweis meiner Existenz, sondern ein Portal, ein Zugang zu meiner Seele – meinen Gedanken.
Als ich mit der flachen Hand mehrmals über die brüchige Tischplatte fuhr, schälten sich vereinzelt Späne ab und verteilten sich auf meiner Handfläche. Fresslinien von fetten Käfern und Maden waren zu sehen und ich fragte mich, warum ich jetzt damit anfing mir Gedanken über mein Leben zu machen. Kochte das Fieber doch schon zu lange durch meine Adern.
Die tiefen Stichwunden, welche von Maevs Angriff stammten, brachen bei jeder geschriebenen Zeile wieder auf und strahlten eine enorme Hitze aus. Meine Schulter war angeschwollen und die Wunden eiterten zunehmend.
Ich hatte die Verletzungen notdürftig mit einigen Kräutern aus dem Schwarzastwald verschlossen aber ich sah bereits wie das Fleisch zu faulen und zu stinken begann. Ich hatte keine Ahnung von Pflanzen … Vielleicht war es auch die falsche Wahl.
Ich dachte oft daran, mein Leben einfach zu beenden und es das sein zu lassen, was es war: eine Enttäuschung. Die Welt würde es nicht einmal merken oder stören. Dann sterbe ich wenigstens nicht am Fieber.
Doch dann lächelte ich, als ich Goralx´s lebensfrohe Art in meiner Vorstellung sah und wusste, dass ich nicht alleine war.
Wäre Goralx mir nicht zur Hilfe gekommen, hätte der Hinterhalt des Hauptmanns meinen Tod bedeutet.
Ich denke … nein … ich bin mir sicher, dass ich Goralx als meinen Freund bezeichnen würde. Auch, wenn wir uns nicht oft gesehen haben, spürte ich eine Verbindung, ein ähnliches Schicksal. Nur wahre Freundschaften, sind sie auch noch so frisch, schenkten das, was der kleine Hortling mir gab: Vertrauen und Opferbereitschaft.
Ersteres gab er mir in den Diensten der Chaosklinge, als ich versprach ihn vor Karuv, meinem Lehrmeister, zu beschützen.
Leider hatte ich keine Gelegenheit, mehr mein Versprechen zu erfüllen.
Aber Goralx behielt sein Vertrauen in mich, als er sich selbstlos zwischen mich und den Hauptmann stellte. Dies war wahre Opferbereitschaft. Er hätte auch weglaufen können. Doch stellte er sich der Gefahr und wusste, dass dies seinen Tod bedeuten würde.
Maev drosselte Goralx bis zur Besinnungslosigkeit und Schlimmeres wurde nur noch durch eine meiner Schattenklingen verhindert. Ich dachte schon, er wäre bereits tot. Aber der Hortling kam zum Glück schnell wieder zu Bewusstsein – wenn auch stark angeschlagen.
Wir wussten beide, dass wir nicht länger in der Gasse, verweilen konnten. Sie war zu nahe am Stadttor, sodass früher oder später uns die Torwache oder ein Bewohner bemerken würde.
Ich erwartete, dass Goralx sein Versprechen nun einforderte, doch anstatt dies zu tun, sagte er mir, dass er wieder zu Karuv zurück muss.
Aber ich wollte ihn nicht in die brutalen Hände meines Lehrmeisters schicken. Sein Verstand sollte nicht genauso manipuliert werden wie der, der anderen Gildenmitglieder.
Genauso wenig konnte ich selbst wieder zurück. Wenn Karuv herausfand, dass ich Terok und Maev umgebracht hatte, dann würde auch Goralx für den Angriff auf den Hauptmann sterben.
Das Band der Freundschaft zwischen uns war so dünn und frisch, deswegen hatte ich innerlich noch mehr Panik, als ich es auszudrücken vermag. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Also tat ich in dieser Situation das Einzige, was mir als sinnvoll erschien und was ich so gut konnte. Ich ließ Goralx auf seine Bitte hin zurück und überlebte – und ich schämte mich dafür.
Und jetzt? Jetzt schmerzte mein Gewissen.
Vielleicht war mein Freund bereits tot. Aber das konnte ich nicht glauben, das … wollte ich nicht glauben.
Bevor wir uns verabschiedeten, hatte ich Goralx gesagt, in welche Richtung ich aufbrechen würde, falls er seine Meinung ändert: Er sollte nach einem markanten Wasserfall Ausschau halten, der dem Schwarzastwald entspringt und mich an seinem höchsten Punkt treffen.
Auf meiner Odyssee nach dem Krieg hatte ich die abgelegene Lichtung mit dem Wasserfall von der Ferne aus gesehen aber nie betreten.

Als ich die Klippen emporstiegt, fand ich neben einem Gebirgsbach und dicht bewachsenen Grauborken eine scheinbar verlassene Jagdhütte, bei der das Moos bereits bis zum Giebel wuchs und ein kleines Fenster verdeckte.
Aber als ich sie betrat und die spartanische Einrichtung bewunderte, tauchte ein alter Mann hinter mir an der Tür auf. Er fragte mich ängstlicht, was ich in seinem Haus zu suchen hatte.
Ich wusste keine Antwort, also richtete er einen gespannten Bogen auf mich.
Seine alten Muskeln zitterten unter der Anspannung. Schweißperlen liefen durch die Faltengruben seiner Stirn. Sein grauer Haarkranz war nass vor Angst und spiegelte sich auf der blanken Kopfhaut dazwischen wider. Nur seine Augen fokussierten mich mit einer Mischung aus Furcht und erfahrener Zielsicherheit.
Ich entschied mich, die Hütte zu verlassen und etwas abseits des Wasserfalls auf Goralx zu warten. Also versuchte ich, so schnell es ging, einen anderen Ausgang zu finden. Aber meine Blicke fanden nur einen Schlafplatz aus zusammengenähten Kartoffelsäcken und einen Holzofen samt eingebranntem Eisentopf.
Der Jäger blockierte unbewusst den einzigen Ausgang und wäre die Zeit noch weiter verstrichen, dann hätten die Muskeln des Alten versagt und den tödlichen Pfeil auf mein sicheres Ende geschickt.
Worte halfen nicht. Ich versicherte ihm zu verschwinden und nie wieder zu kommen, doch er glaubte mir nicht. Und als er mein Schuldmal im Gesicht sah und die Konturen mit seinen Augen verächtlich abzeichnete, spuckte er auf den Boden und spannte seinen Bogen noch energischer.
Mir blieb nichts anderes übrig als meine Klingen den magischen Befehl in Gedanken zuzurufen und ihre Macht wirken zu lassen.
Ich spürte die eingerosteten Instinkte des Jägers, denn er bemerkte die aufsteigende Finsternis nicht. Es dauerte nur wenige Augenblicke und das Zimmer hüllte sich in Dunkelheit. Ich trat im selben Moment, wie der Schatten sein volles Ausmaß erreichte, einen Schritt zur Seite, den nächsten nach vorne. Der Jäger bemerkte nun, dass er blind war, und ließ aus Schreck die Sehne des Bogens los.
Der Pfeil steckte noch immer in der Holzwand nahe dem Tisch, an dem ich seit diesem sinnlosen blutigen Tag mein Tagebuch schrieb. Außer Holzsplittern war nichts mehr von der Spitze zu sehen. Er war noch leicht grün, frisch geschnitzt, mit einem spiralförmigen bunten Federkleid am Ende.
An das Gesicht des Mannes, möchte ich lieber nicht denken, denn zu seinen fassungslosen Blicken gesellten sich Schmerzen. Und ich sah, wie der letzte Lebensfunke aus den grauen Augen erlosch, während ich meine Schattenklinge wieder aus seinem Herzen zog …

Meine Hände … mein ganzer Körper zitterte und die Hitze in mir begann mich aufzufressen.
Mein Kopf fühlte sich an wie in Watte gepackt. Mein Herzschlag raste unkontrolliert. Meine Haut brannte, als ob sie sich augenblicklich vom Fleisch zu lösen begann.
Ich war zu erschöpft.
Alles war so heiß.
Ich stand auf und ging über eine schmale Veranda zum Bach, um mich abzukühlen. Doch bevor ich ihn erreichte, sackten meine Knie in sich zusammen.
Am Boden liegend sah ich noch eine Gestalt hinter einem Baum auftauchen.
Dann verlor ich das Bewusstsein.
Ich wollte nicht sterben … nicht so … nicht jetzt!