Kapitel 8

Die Bestimmung

Durch die Fenster drangen Sonnenstrahlen und zeigten mir den Weg nach draußen. Die Sonne stand bereits hoch oben am Horizont. Ich musste den halben Tag bewusstlos gewesen sein.
Meine blutigen Hände, mein ganzer geschundener Körper, schmerzten. Aber ich konnte keine Rücksicht darauf nehmen. Der Kampf in der Gilde wütete sicher bereits, wenn gar nichts Schlimmeres!
Auf dem Innenhof des Anwesens zeigte sich das Ausmaß der Kriegskunst von Mördern. Alle Wachen lagen aufgeschlitzt und ziemlich übel zugerichtet auf der Anlage. Wenn nur eine Handvoll Assassinen dies anrichten konnten, was mag dann mit denen geschehen, die sich zu Hunderten gegen sie stellten.
Mit dieser Hoffnung verließ ich die Villa. Terok muss von Marces Ende erfahren und sollten die Söldner mit ihrem Gift die Grenzen der Gilde durchbrechen, so war mein Platz jetzt dort. Er musste es erfahren!
Die Hitze der Mittagssonne brannte und mir blieb nichts anderes übrig als quer durch das Händlerviertel über den Marktplatz, bis zu den Pforten der Klinge zu gelangen.
Ich versuchte meine Eile zu verbergen und nutzte jegliche Möglichkeit, leise und rasch größere Menschenansammlungen zu vermeiden.
Als ich schließlich die Grenzen des Elendsviertels passierte, überkam mich eine merkwürdige Stille. Keine Seele weit und breit, nur Dreck.
Vor der Taverne Zum rostigen Dolch zeigten sich die ersten Toten der Schlacht. Einige Gildenmitglieder und Söldnerleichen lagen in eisiger Stille auf dem mit Blut getränkten Boden.
Mein Blick fiel auf den Eingang der Taverne. Die Tür selbst war mit Brettern von außen zugenagelt und mit Holzbalken abgestützt. Holzbarrikaden überschatteten den Vorhof und schlossen die Verteidiger regelrecht ein. Die Angreifer hatten offenbar nie vor gehabt, in die Gildenhalle einzudringen. Eher sie einzuschließen, wegzusperren für ihr tödliches Gift!
Auf der schmalen Treppe, die zur Tür führte, zeigten sich noch mehr Leichen. Jene, die versucht hatten, sich der Bedrohung zu stellen. Vargas Truppen mussten den oberirdischen Eingang zur Gilde gefunden haben!
Ich versuchte, dass alles zu verstehen, als ich die aufgeschlitzten Überreste des Barmanns betrachtete, bis eine hohe, kratzige Stimme hinter mir rief: »Krayacse?«

Zwischen den leblosen Körpern erschien wie aus dem Nichts die von Blut übersäte Gestalt des kleinen Hortlings. Meine Blicke musterten den verklebten schwarzen Lederwams, der über die schmutzige Wolltunika geschnallt war. Ich steckte meine Klingen wieder in die Scheiden zurück und sank vor Goralx auf den Boden.
Die sonst so großen sumpfgrünen Augen waren tief in ihren Höhlen eingefallen und von dicken Augenringen umrahmt. »Goralx! Wo bist du denn gewesen? Was ist hier passiert? Geht es dir gut?«, fragte ich den Hortling, der teilnahmslos an mir vorbeiblickte.
Seine Schultern und die riesigen Ohren hingen noch tiefer als sonst und ließen die Enden seiner Lederkappe über den Boden schleifen. Auf seinem Rücken trug er einen abgebrochenen Speer, der aber immer noch seine Körpergröße übertraf, und an der rechten Seite hing eine Schleuder mit einem halbvollen Beutel angerosteter Stahlkugeln.
»Ich … ich hab … habe Befehl dich zu bringen zu Meister Terok«, stotterte er und schnaufte dabei mit schweren Atemzügen.
Von seiner sonst so aufgeweckten kindlichen Art, fehlte jede Spur. Nur das nervöse Stottern war geblieben. Was war in der Zwischenzeit nur passiert? »Was haben sie mit dir gemacht, Goralx?«, wollte ich wissen, aber der Hortling antwortete nur langsam und sah mich dabei verloren an.
»Karuv hat Goralx weh getan. Musste für Meister was bei Menschen stehlen. Aber Goralx versagt. Hat zu lange gedauert. Mensch hat Goralx bemerkt … Jetzt kämpfen muss.«
Ich legte meine Hand auf seine Schultern, aber bei der kleinsten Berührung fuhr seine graue Haut zusammen und er schreckte einen Schritt zurück. Seine verstörte Haltung war Antwort genug. »Wenn dieser Krieg vorüber ist, werde ich meinem alten Lehrmeister einen Besuch abstatten«, versicherte ich ihm und nickte ihm ermutigend zu. »Das verspreche ich dir!«

Kurz darauf führte mich Goralx zu einem unterirdischen Schacht. Der Geheimgang glich eher einer von Fackeln gesäumten Mine. Stützbalken hielten die von vermodertem Wurzelwerk durchwachsene Decke und knarrten über ihr morsches Dasein. Immer wieder blickten uns grimmige Gesichter aus den Schatten an, die hörbar ihre Klingen ungeduldig wetzten. Jeder bereit dazu, jeglichem Eindringling die volle Gewalt der Chaosklinge spüren zu lassen.
Vorerst vernahm ich Stille in den Hallen, doch nur wenige Gänge weiter tobte das Chaos. Gildenmitglieder strömten schwer bewaffnet zu Dutzenden an uns vorbei, angetrieben von drillenden Meistern, die sie lautstark anbellten.
Und inmitten einer großen Wegkreuzung, an welcher die Schattenkrieger marschierten, stand unbehelligt der alte Gildenmeister.
Goralx huschte an mir vorbei und suchte Terok auf. Nach kurzem Flüstern verbeugte sich der Diener und verschwand mit einem letzten hoffnungsvollen Blick in meine Richtung in der Menge.
»Krayac! Kommt zu mir!«, rief Terok und winkte seine Leibgarde weg. Ich tat, wie mir befohlen wurde, und postierte mich an seine Seite.
»Was ist geschehen, Meister?«, fragte ich den Alten.
Sein Blick ließ sich vom endlos scheinenden Strom seiner Krieger leiten, während seine Hände verschränkt auf seinem Rücken ruhten. »Die Söldner haben die Grenzen in den Kanälen überquert und legen alles in Schutt und Asche«, antwortete er und spuckte mit voller Verachtung auf den steinigen Boden.
Vergeblich versuchte ich Augenkontakt für meine nächsten Worte zu finden. »Ich habe Informationen davon, dass sie eine Waffe mit verheerenden Ausmaßen mit sich führen. Ein Gift! Sie versuchen, uns von der Außenwelt abzuschotten!«, warnte ich ihn.
Teroks zuvor ernste Mimik ging in eine sorglose Gestik über und er wirkte nach meiner Warnung weniger überrascht. »Ihr kommt zu spät. Aber macht Euch darüber keine Sorgen, wir haben bereits alle Boten ausgeschaltet und ihre Fracht sicher gestellt«, erklärte er mit einem entwaffnenden Lächeln und einem harmlosen Schulterzucken. »Erst als ihr Versuch, uns in ihren verpestetenden Käfig zu stecken misslang, griffen sie frontal an.«
»Hat Euch Maev berichtet, was geschehen war?«, fragte ich ihn.
»In der Tat, er hatte mir noch rechtzeitig von Eurer Begegnung mit Marces und Varga erzählt. Habt Ihr Euren Befehl ausgeführt?«, erwiderte er rachgierig.
»Ja, Meister! Marces weilt nicht mehr unter den Lebenden! Doch eine weitaus größere Gefahr steht jetzt vor unseren Toren. Wir hatten keine Möglichkeit, den Söldnerführer auszuschalten! Hinter diesem Angriff steckt noch eine viel größere Sache mit gigantischen Ausmaßen, die die ganze Stadt betreffen wird!«, versuchte ich zu erklären und zügelte mich dabei, ihm von der Tochter des Fürsten und dem Amulett zu erzählen.
»Varga war nur eine Figur in diesem Spiel, ihn zu beseitigen wird ein Leichtes sein«, antwortete Terok mit überzogener Selbstsicherheit, während sich seine Worte mit jeder gesprochenen Silbe zu einer Stimmung zusammenfügten, welche sich zunehmend in Wahnsinn verwandelte. »Maev und Karuv führen unsere Kräfte in den Kanälen an. Ihr werdet sehen …, dass es sich nicht auszahlen wird, uns zu bestehlen!«
In diesem Moment hämmerte mir ein unwohles Gefühl durch den Magen. Ich erinnerte mich wieder an die Worte des Großhändlers und dessen falsche Wahrheit.
»Dank Euch ist unsere Machtposition wieder sicher. Jetzt wo Aren Marces aus dem Weg geräumt und mein Eigentum wieder beschafft wurde!«
Beunruhigt sah ich ihn an. »Was wollt Ihr damit sagen?«, fragte ich unter den tobenden Schlachtrufen der Schattenkrieger, die kurz darauf allesamt in den Gängen verschwanden und Terok sich kurz darauf mir zuwandte.
»Denkt nach, Krayac. Wir konnten nicht zulassen, dass unsere größte Waffe gegen uns selbst gerichtet wird!«, erläuterte Terok mit seiner schmerzhaften Realität.
Hatte der Großhändler recht? »Soll das heißen, Ihr wart es? Das Gift? Die … Seuche?«, versuchte ich unerschrocken, eine Antwort zu erhalten, die meinen Verdacht hoffentlich tilgen würde. Aber der folgende Gesichtsausdruck des Alten zeigte mir, was es bedeutete, sich selbst zu verraten und wie sich das größte Übel unter scheinbaren Freunden verbirgt.
»Früher oder später musstet Ihr es erfahren. Hochapotheker Teris hat wahrlich Unglaubliches vollbracht, indem er in unserem Auftrag und der Macht seines Amuletts eine Krankheit von verheerendem Ausmaß gebraut hat. Es ist der Beginn zu etwas Großem gewesen. Etwas, das diese von Habgier zerfressene Stadt und ihre Herren ausmerzen ließ und uns den Weg zu einem neuen Zeitalter öffnete. Ein Zeitalter des Stärkeren! Ein Zeitalter … der Chaosklinge!«, demonstrierte er stolz.
Immer mehr wurde mir klar, was das alles zu bedeuten hatte. Wie konnte ich so naiv sein? Warum hatte ich all die Hinweise, die mich die ganze Zeit begleitet hatten ignoriert und als Lügen abgetan? »Meine Eltern und Freunde sind durch Euer Gift umgekommen!«, blaffte ich ihn verständnislos an. Innerlich zerrissen seine Worte den Grund meiner Rückkehr: Hoffnung. Ich dachte, ich hätte einen Platz gefunden, mein Leben neu zu ordnen und alle büßen zu lassen, die mich einst in den Hortlingkrieg schickten. Ich dachte, ich hätte eine neue Heimat gefunden, wo sich niemand für einen Deserteur interessierte.
»Doch habt Ihr überlebt!« Teroks Antlitz wurde mit jeder gesprochenen Silbe kälter und zeigte eine tiefe Finsternis. »Habt Ihr Euch nie gefragt … wieso? Als ich von Eurer Existenz erfuhr, habe ich Euch seitdem Krieg gegen die Hortlinge im Auge behalten. Teilweise mussten wir auch eingreifen, dass Euch kein wütender Mob oder ein Graupelz aufspießte. Bis Ihr schließlich wieder durch die Tore dieser, meiner Stadt gekommen seid und Maev Euch auf dem Marktplatz wieder aufspürte!«
»Von meiner Existenz? Warum habt Ihr mich nicht einfach sterben und liegen lassen wie all die anderen auch?«, spie ich ihn verachtend an.
»Habt Ihr vergessen … was ich Euch damals bei unserem ersten Aufeinandertreffen sagte? Dass Ihr Eurer Bestimmung folgen sollt? … Der Tag ist gekommen!«
»Ihr seid wahnsinnig, Terok! Spart Euch weitere Lügen!«, drohte ich der zerbrechlichen Gestalt.
»Ich sagte Euch doch, dass meine Informationen tiefer gehen, als Ihr es Euch vorstellen könnt … Ihr seid ein Sohn des Fürstenhauses Kala’thel. Ein unbekannter Thronfolger! Mit Eurem Blut und meinem Gift werden wir zusammen die ganze Stadt unter unsere Herrschaft stellen! Euer Platz ist neben mir!«, krächzten die verseuchten Worte, die der fanatische Gildenmeister um sich kreisen ließ.
Eine ungewohnte Hitze pulsierte durch meinen Kopf und ließ meine ganze Wut frei. »Ihr habt dieser Stadt alles genommen. Ihren früheren Glanz und ihre Schönheit. Alles was ich je geliebt und gelebt habe. Niemals werde ich so wir Ihr! Niemals wird mich derselbe Wahnsinn lenken, der über Euch gekommen ist und niemals werde ich Euren Worten glauben schenken!«, schoss ich ihn an und setzte einen Schritt zurück.
»Ich weiß, dass das in diesem Moment kaum vorstellbar für Euch ist, aber Euer Schicksal, Eure Heimat ist hier! Auch wenn Ihr mir jetzt den Rücken kehrt, wird sich Eure Bestimmung erfüllen. Eure Vergangenheit wird schon bald meine Zukunft sein!«, giftete er dieses Versprechen und zelebrierte sein inneres Chaos, während dichter schwarzer Nebel die Weggabelung in absolute Dunkelheit schloss.
Ich hatte Rache an alle geschworen, die mein Leben zerstörten und jene zu töten, die meinen Hass einst entflammten. »Eure Lügen … sterben mit Euch, Meister!«, waren die letzten Worte, die der Alte zu hören bekam, als sich die Sichelmesser ihren Weg durch die goldene Rüstung und den knochigen Körper bahnten und seine Gedärme zerrissen.
Niemand würde mich in diesem Augenblick aufhalten. Niemand konnte mich aufhalten. Geschützt durch die Magie der Schattenklingen floh ich, so schnell ich konnte, entlang des verborgenen Schachtes, durch den mich Goralx zuvor ins Innere führte. Unsichtbar für jeden …

Nach knapp einer Stunde stand ich wenige Gassen vor dem Stadttor. Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt und bedeckte sich nur teilweise mit grauen Wolken, die geräuschlos einen leichten Regenschauer über den Dächern Nêraths entfachten.
Ich fühlte mich weder gut noch schlecht. Ich spürte kein Gefühl, das diesen Moment beschreiben konnte. Geschweige denn Lüge und Wahrheit voneinander zu unterscheiden. Das Einzige, was spürbar durch meine Adern floss, war der Gedanke, Nêrath verlassen zu müssen. Ohne Zweifel wird die Gilde das Ableben ihres Meisters bald erfahren und den Kopf des Schuldigen fordern und ihre Rache wird fürchterlich sein.
Ein plötzlicher Windstoß wehte mir entgegen. Ich blieb einen Augenblick stehen und genoss den kühlen Hauch des Ostwindes, der mir viele Fragen in Erinnerung rief. Doch der Wind barg noch mehr. Ich vernahm einen Ruf. Ein Schrei nach Verlangen und stiller Sehnsucht. Das Auge! Ich konnte es spüren. Doch was wollte es?
In der nächsten Gasse verweilten einzelne Obdachlose auf mehreren Müllhaufen in ihrem sinnlosen Dasein. So erkannte ich die finstere Gestalt nicht, die hinter einer Häuserecke lauerte und mir mit voller Wucht einen mit Stacheln besetzten Schwertknauf gegen die linke Schulter stieß.
Die langen Stahlspitzen durchdrangen meine Rüstung und gruben sich tief ins Fleisch.
Ich fiel zu Boden und rammte unsanft mit dem Kopf in die gegenüberliegende Mauer. Ein warmer Blutstrom lief über mein Gesicht und ein lautes Krachen donnerte durch meinen Schädel.
Eine gesichtslose Gestalt, in eine Kapuze gehüllt, beugte sich über mich und richtete ihre Zwillingsschwerter auf meine Kehle.
Ich versuchte unter rasenden Schmerzen noch meine Klingen aus dem Gürtel zu ziehen, doch ein heftiger Tritt beendete meine Bemühungen.
»Maev? Aber … seid Ihr nicht?«
»Nicht was? Bei den Kämpfen?«, zischte seine raue Stimme.
Ich versuchte, den Abstand zwischen seinen Klingen und meinem Hals zu vergrößern, und kroch näher an die Mauer. Ist er mir etwa hinterher gehetzt, um Terok zu rächen?
»Ihr könnt Euch nicht vor meinen Klingen verstecken. Viel zu lange schon habt Ihr meine Geduld strapaziert und Euch bei dem Alten zunutze gemacht!«, fauchte er und spießte mich dabei mit vernichtenden Blicken auf.
Maevs Fratze triefte vor Eifersucht und mir wurde schnell klar, was er dachte. »Bereits bei unserem ersten Aufeinandertreffen wollte ich Euch töten. Schon als Ihr Euren Kopf aus dem Zelteingang stecktet!«, bellte er mich an und fletschte seine Zähne wie ein Tier. »Der Thron der Chaosklinge ist mein! Und selbst Ihr werdet es nicht verhindern können!«
»Wieso … sollte mich das interessieren?«, versuchte ich ihm klarzumachen und presste meine Faust auf die schmerzende blutende Stichwunde, die sich zwischen Schulter und Brust auftat.
»Ich habe Euer Gespräch mit dem Meister gehört und gesehen, wie Ihr ihn aus dem Schatten heraus erstochen habt. Und jetzt seid Ihr auf dem Weg, um mich zu töten?«, höhnte er mich fragend an und versetzte mir einen weiteren Tritt in die Rippen.
»Ihr seid genauso wahnsinnig wie Terok«, stöhnte ich unter stechenden Schmerzen.
»Armer Tor«, spie mich der Hauptmann an. »Glaubt Ihr ich würde einen Prinzen neben mir dulden? Glaubt Ihr, dass ich nur darauf warte, bis Terok mich ersetzt? Alles habe ich versucht, um meinen Platz in der Gilde zu sicher – Hatte anfangs sogar gehofft, das Amulett des Hochapothekers könnte mir helfen. Aber als Terok Euch mir vorgesetzt hat, wusste ich ganz genau, was sein Plan war. Ihr hättet ein Deserteur bleiben sollen, Krayac Kala’thel«, und spuckte mir bei der Erwähnung meines fadenscheinigen Namens ins Gesicht.
Ich versuchte, mit der rechten Hand eine der Schattenklingen zu erreichen und diesem Wahnsinn endlich ein Ende zu machen, doch gerade so sinnlos, als mich Maevs Faust fast besinnungslos schlug.
Aber als er mit zum Todesstoß ansetzen wollte, traf etwas seine Schläfe, das die Gasse mit Blutspritzern benetzte und dem Hauptmann kurzzeitig die Orientierung nahm.
Ein zweites dumpfes Geräusch fand das Gesicht des Meuchelmörders und zerschlug sein Nasenbein. Erst beim dritten Geschoss, das an seinem Kopf abprallte und an meiner Seite landete, wusste ich, was gerade geschah.
Ich betrachtete die rostige Stahlkugel und die kleine Gestalt, die am Eingang der Gasse auftauchte und ihre Schleuder mit einem weiteren Geschoss bestückte. »Krayacse laufen weg!«, hörte ich Goralx rufen, doch konnte ich mich kaum bei Bewusstsein halten.
Goralx feuerte erneut auf den immer näher kommenden Hauptmann, der seinen Angriff völlig kalt ließ.
Der Hortling schnallte seinen abgebrochenen Speer vom Rücken und versuchte, sich mit mehreren Stößen den Hauptmann vom Leib zu halten – doch geradezu hoffnungslos.
Ich konnte nur noch Goralx hilflose und krampfhafte Schreie hören, als Maev ihn am Hals packte, ihn in die Luft hob und zu würgen begann. Der Hortling wandte sich in seinem tödlichen Griff. Strampelte mit den Füßen und schlug mit seinen ärmlichen Fäustchen auf den Hauptmann ein … Selbst für einen Hortling hielt er lange stand.
Ich versuchte, nicht vollends den Verstand zu verlieren, und konzentrierte mich auf meinen Hass, der mich die ganze Zeit am Leben gehalten hatte. Ich spürte, wie mein Kampfinstinkt all meine Glieder durchströmte und mich wieder auf die Füße brachte. Ich griff nach einem Schattenmesser und stürmte auf Maev zu, der in jenem Moment den letzten Wimpernschlag aus dem Graupelz presste.
Goralx fiel, samt seines Mörders, auf den Boden. Der einzige Unterschied war der, dass eine sichelförmige Klinge aus dem Bauch des Hauptmanns ragte und schwarzer Rauch aus der Wunde trat.
Nach jenem Moment kehre die stille Einsamkeit in der schmalen Gasse zurück. Als wäre die Zeit für immer stehen geblieben.
Kein Laut war zu hören. Nur das Geräusch der zartfließenden Blutströme, die sich aus dem Leichnam des Hauptmanns ihren Weg durch die Gosse bahnten.
Ich sackte auf die Knie, während Bild für Bild der letzten Ereignisse durch meinen Kopf gingen.
Es machte mich traurig, nicht mehr Zeit mit Goralx verbracht zu haben. Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, mein Versprechen, ihm gegenüber, zu begleichen. Und jetzt verdankte ich dem kleinen Hortling auch noch mein Leben.
Ich ließ meine Klinge fallen und unter dem klirrenden Ton des aufprallenden Stahls, hörte ich das leise nach luftschnappende Japsen einer befreundeten Stimme … »Krayacse?«