Kapitel 4

Einmal Hölle und zurück

So stand ich nun verborgen vor der Kaserne und wartete.
Ich zählte mindestens ein Dutzend Wachen allein am vorderen Tor. Wie viele im Inneren postiert wurden, wollte ich mir gar nicht erst vorstellen. Angeblich sammelte der Fürst nur ausgewählte Soldaten um sich.
Es dauerte nicht lange, bis das Purpurlicht der untergehenden Sonne am Horizont verblasste.
Das quietschende Hochgehen des Fallgitters läutete wie ein Signal über den Platz. Und das knarrende Öffnen des schweren Tors kündigte das ersehnte Zeichen an aufzubrechen.
Bevor ich die Taverne Zum rostigen Dolch verließ, erinnerte mich Karuv daran, die besonderen Eigenschaften meiner neuen Waffen zu benutzen, um ungesehen durch die Kaserne zu kommen.
Ich streckte beide Schattenklingen von mir – fühlte ihre Macht, die mich durchströmte, ihre unscheinbare Tödlichkeit. In Gedanken sprach ich den Befehl. Sie gehorchten und die feinen Konturen des Stahls verschwammen in einem aufkommenden schwarzen Qualm. Der Schatten ergriff komplett Besitz von meiner Gestalt. Er hüllte mich ein, nahm mir aber nicht die Sicht auf mein Ziel.
Zur Sicherheit zog ich mir, mit einem Lächeln auf den Lippen, trotzdem die Kapuze tief ins Gesicht. Hoffentlich hielt der Offizier sein Wort. Nicht einmal Terok könnte mich jetzt noch retten, sollte etwas schiefgehen.
Ich hatte keine Zeit zu verlieren, jede Sekunde Verzögerung würde das Risiko entdeckt zu werden erhöhen.
Eng an die Kasernenwand gepresst tastete ich mich vorwärts, dicht hinter den Wachposten, die streng nach Befehl und Disziplin in ihren blauen Umhängen regungslos Stellung behielten.
Sie ahnten nichts! Zur anfänglichen Panik gesellten sich nun Freude und Faszination. Diese Fähigkeit war in der Tat ein Geschenk!
Der Durchgang präsentierte sich schmucklos und doch edel. Rundbögen prägten diese Architektur und stützten die gewaltige Anlage, die mehrere Stockwerke in die Höhe schoss.
Was sich in den höheren Etagen befand, wollte ich gar nicht erst wissen.
Männer und Frauen patrouillierten im Inneren – beschattet von den kräftigen dunkelblauen Farben des fünfeckigen Fürstenbanners, das ein geschwungenes Schild imitierte.
Das Wappen ähnelte eher einem Gemälde, auf dem ein Haufen Goldmünzen – neben erlesenen Edelsteinen und einer vierzackigen silbernen Krone, die darauf saß – abgebildet war. Gelbe Sonnenstrahlen, die von oben auf die Anhäufung schienen, zeigten regelrecht die Verherrlichung, die Fürst Arians Person ausmachten.
»Wie passend!«, flüsterte ich bei diesem Anblick sarkastisch.
Ein frischer Windhauch verwandelte den schwarzen Nebel in einen wirbelnden Schleier, als das zweite Tor berstend aufschwang. Und fast hätte mein Herz zu schlagen aufgehört, als anschließend einer der Wachen misstrauisch in meine Richtung aufbrach.
Aber der Weg war frei und ereignislos durchquerte ich das Gebäude – reibungslos und schnell.

Die andere Seite offenbarte mir eine gänzlich andere Welt.
Ich behielt meine Schattengestalt und konnte den unermesslichen Reichtum des Oberen Viertels in vollem Ausmaß erkennen. Jene Straßen vor mir – Arians Wege – gepflastert mit weißen Steinen. Keine Spur von Dreck und Verfall.
Ein Panorama, das mich zum Innehalten zwang. Die Straßen verliefen geordnet in perfekter Symmetrie. Nirgendwo ein Anzeichen für Unregelmäßigkeit. Viele Häuser wurden von Marmorsäulen gestützt, während unzählige Bäume und blühende Pflanzen ihre Fronten zierten. Ein Paradies, wie Nêrath in früheren Zeiten, möchte man meinen. Jedoch geschaffen für eine Gesellschaft des Geldes.
Fürst und Adel … Verräter!
Die vage Wegbeschreibung führte mich weit ab der Hauptstraße, die von Fürst Arians Palast, durch die Kaserne, bis zum Hafen verlief.
Von weitem sah ich das mächtige Bollwerk. Mehrere Türme ragten gen Himmel und warfen ihre Schatten. Höher als alle anderen Bauwerke der Stadt. Selbst die Mauern waren ohne Zweifel dicker als die der Stadtmauer und die mit Soldaten bemannten Wehrgänge taten den Rest.
Ich versuchte, dem Drang zu widerstehen, direkt in den Palast zu stürmen und alles und jeden auf meinem Weg zum Fürsten zu richten. Aber ich erkannte jetzt, dass ich ohne einen ausgereiften Plan, die Verteidigungsanlagen der Festung nicht einfach so überwinden konnte. Selbst der Schutz des Schattens würde nicht ausreichen. Und Fürst Arians Gemächer waren sicher nicht weniger geschützt. Ich brauchte das Auge und die geheimnisvolle Magie, welche mir versprochen wurde!
Also reservierte ich meine Hoffnung auf Rache auf einen anderen Tag. Auch wenn sich jede Faser in meinem Körper dagegen wehrte. Die Zeit lief und wenn ich es nicht rechtzeitig wieder zurück zur Kaserne schaffte, würde es keine Hoffnung mehr geben.
Das Haus, das mir Karuv beschrieben hatte, war etwas schlichter gebaut als die anderen, nur eine bronzene Statue würde am Hofeingang über das Anwesen wachen.
Sollte mir das helfen, es schneller zu finden? Meine Gedanken drehten sich fast nur noch um die sterblichen Überreste von Fürst Arian und das silberne Amulett.
Ich konnte mich kaum konzentrieren, gar mich für einen Weg zu entscheiden. Jedes verdammte Gebäude sah hier um Welten besser aus als ihre zerfallenen Verwandten in der Unterstadt.
Die Zeit verging und ich entfernte mich immer weiter vom späteren Heimweg.
Keine Seele kreuzte meinen Weg. Nicht verwunderlich, da sich alle Soldaten im Palast und in der Kaserne befanden und die Reichen in ihren Villen residierten.
Die Stille regierte zu dieser Stunde und wiegte die Straßen in eine trügerische Ruhe.
An einer Kreuzung kam endlich die riesige Statue in Sicht. Die im Mondlicht spiegelnden Metalle formten den bronzenen Heldenkrieger, der mit Krummsäbel und Schild an die Vernichtung der Hortlinge erinnern sollte.
Meine Augen trübten sich, als vor den Stufen der Marmortreppe der Villa zwei reiterlose Pferde nervös mit den Hufen scharrten.
Ein lauter Knall einer knarrenden Holztür war die Folge und eine mir altbekannte Gestalt schwang sich auf einen der Gäule.
Der schimmernde Zweihänder hing am Rücken seiner polierten Plattenrüstung – der wachsame Blick streifte wie ein Adler über den Hof.
Was brachte ausgerechnet diesen bärtigen Glatzkopf vor das Haus des Richters?
Und wie könnte es auch anders sein. In der offenen Eingangstür stand, eingehüllt in ihren Umhang, die schwarzhaarige Schönheit aus jener Nacht, die mein Leben für immer veränderte.
Ich dachte, das Amulett für immer verloren zu haben.
Mein Herz tobte, gierte, zerrte mich nach vorne. Immer weiter. So nah …!
Meine Hände zitterten vor Aufregung. Jetzt konnte ich sie endlich töten und meine Rache würde noch heute ihr Ende finden! Dann würde mich niemand noch aufhalten können! Jede Nacht hatte ich mich in meinen Träumen nach dem Auge gesehnt und nun war es vor mir. So nah! Ich verlangte es!
Dann erscholl ein Schrei, gefolgt von einem wütenden Mann, der hinter der Frau aus dem Haus stürmte. Seiner stattlichen Figur nach zu urteilen, passte die Beschreibung auf den Richter. Mein Ziel!
Nichts wog schwerer als die Zurückhaltung, als die Frau ihren Umhang aus Bequemlichkeit öffnete. Nichts war schlimmer als das Gefühl, etwas Unerreichbares zu begehren, während der rubinrote Stein meinen Blick suchte.
Ich hörte das Auge nach mir rufen. Es starrte mich an! Der Drang zu widerstehen wurde unberechenbar und verschlang meine Sinne.

Das Portal brachte mich an einen merkwürdigen Ort – die Spitze des Sandsteinturms.
Rustikale Steinsäulen hielten das hohle Runddach der kreisförmigen Plattform. Wandlos teilten sie sich den Platz mit beißenden Luftströmen, die durch sie verliefen.
Die peitschenden Winde entfesselten eine lebensfeindliche Umgebung und sandten Kälte und Unbarmherzigkeit.
Der Boden enthielt altwirkende Symbole und trug einen überdimensionalen Steinthron, der mit noch mehr von dieser Symbolik versehen war.
Ein Hüne hätte hier Platz gefunden und würde dennoch klein dagegen wirken, als das, was wirklich darauf saß … ein Titan!
Ich stolperte zurück, bis eine der Säulen meine Ehrfurcht stoppte und mich benommen zu Boden schickte.
Mein Blick fiel auf die Wolken, die weit unter mir kreisten und die epischen Ausmaße des Turms nur andeuten konnten.
»Was mache ich hier?«, hörte ich den Wind rufen, der nur Bruchstücke meiner Frage auffing und wiedergab.
Erschrocken, dass der Gigant meine Worte gehört haben könnte, fuhr ich herum und presste meinen Rücken noch fester an den kantigen Stein.
Der Riese lag mehr, als dass er thronte, und stützte seinen gewaltigen Kopf mit der rechten Faust auf der Steinlehne ab. Er wirkte erschöpft und ausgezehrt. Seine Gesichtszüge hingen schlaff herunter und an der Stelle, wo sein linkes Auge war, fraß sich eine üble Narbe in die Haut.
Von Neugier gepackt trat ich einen Schritt vor – er schien zu schlafen.
Nicht einmal annähernd konnte ich seine Größe beschreiben oder seine gottähnliche Erscheinung, die er trotz seines Zustands ausstrahlte. Alles erschien wie ein Traum – bis sein unversehrtes Auge sich weit öffnete und mich erfasste.


»Was soll das heißen!«, schrie eine Stimme derart laut auf, dass ich wieder zu Bewusstsein kam und daneben sicherlich einige Bewohner aus ihrem Schlaf gerissen wurden.
»Wenn Ihr nicht das tut, was von Euch verlangt wird, werdet Ihr für uns nicht mehr von Nutzen sein«, antwortete die Frau scharf.
»Ihr wagt es, mir zu drohen? Ich habe schon schlimmere Zeitgesellen aus dem Weg räumen lassen!«, konterte er stolz.
»Eure gesetzliche Gewalt unter dem Volk ist unbestritten, Richter! Nur vergesst niemals, wer über Euch gebietet«, zischte sie, während sie auf ihren Hengst stieg. »Richtet über alles in der Unterstadt. Lasst jeden hängen, der sich gegen uns stellt!«, tönte sie ihm nach, als sie langsam mit dem bärtigen Mann in die Nacht verschwand.
In mir brodelte das klagende Gefühl von Trauer und Verlust. Wieder überkamen mich diese Visionen.
Was hatte das alles zu bedeuten? Der Ruf des Auges. Der endlose Turm mit dem schlafenden Titanen. Die Gräber auf dem Pfad zu den gesichtslosen Portalwächtern. Und die geheimnisvolle Frau, die mein Amulett um den Hals trug!
Eines Tages werde ich sie wieder finden und dann wird mein Gesicht das Letzte sein, was sie sehen wird … Ich musste sie finden!
Der Richter stand vor der offenen Tür und starrte seinen Besuchern misstrauisch hinterher.
Ich gab den Schattenmessern den Befehl, mich aus ihrer dunklen Gabe zu entlassen und steckte eines zurück in die Beinscheide.
Während die schwarze Hülle von mir glitt, betrat ich die marmorierten Stufen, presste die Sichelklinge an seine Kehle und drückte ihn zurück ins Haus.
Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, als er mich mit geweiteten Augen anstarrte. »W–was wollt Ihr von mir? Bitte, bitte nehmt, was Ihr wollt, nur tut mir nichts … bitte!«, keuchte er mit dem Rücken zur Wand, die mehr kostbare Gemälde trug, als vergoldete Gefäße – die überall um uns herum standen.
»Haltet die Schnauze oder ich reiße Euch die Zunge raus!«, trichterte ich dem Fettsack ein. »Ich werde dafür sorgen, dass Ihr diese Nacht nie vergessen werdet!«, und schlug ihm dabei die geballte Faust direkt in sein verweichlichtes Gesicht.
Er fing leicht zu taumeln an, blieb jedoch bei Bewusstsein.
»Eure letzten Urteile haben für großes Unbehagen gesorgt. Jetzt werdet Ihr es erleben, gerichtet zu werden!«
»Nein! Bitte tötet, tötet mich nicht, bitte! – ich gebe Euch alles, was Ihr wollt. Sagt mir nur was … bitte!«, stammelte er vor orientierungsloser Todesangst vor sich hin.
»Meinen Auftraggebern verlangt es nach Eurem Blut. Vergeltung für jenes Blut, das Ihr mit eurer Habgier vergossen habt. Ihr werdet bezahlen!«, flüsterte ich ihm zu.
Sein zuvor fleischrot angelaufenes Gesicht verblasste zunehmend. Verzweiflung und Ratlosigkeit waren in seinen Augen zu sehen. »Ich hatte doch keine Wahl.«
Ich stieß den Richter auf den mit Fellen exotischer Tiere ausgelegten Boden. Doch bevor ich mein blutiges Werk beginnen würde, musste ich wissen, wer die schwarzhaarige Frau war. »Was hatte diese Frau bei Euch zu suchen? Wer ist sie?«, fragte ich bestimmend.
Er probierte wieder aufzustehen und begann zu winseln wie ein Hund. »Ich, ich kenne ihren Namen nicht! Bitte!«, bettelte der Richter und weichte mit seinen Blicken unglaubwürdig zu allen Seiten hin aus.
Mein Knie beantwortete sein jämmerliches Flehen mit einem Stoß in den Bauch, sodass er nach vorne überkippte und nach Luft japste.
Ich holte bereits zum nächsten Angriff aus und legte ein trockenes »Wer?«, meiner Drohung bei.
»Die Tochter des Fürsten! Tezza … Tezza Kala’thel!«
»Wo finde ich sie?«, grub ich hinterher. Diese Information änderte alles. Die Tochter des Fürsten?
»Ihr kommt niemals in die Festung«, setzte er augenblicklich nach – aus Angst, mein Grübeln könnte eine weitere schmerzhafte Antwort einfordern. »Ich weiß nur, dass ein Treffen in der Unterstadt anberaumt ist, an welchem sie anwesend sein wird. Ich schwöre es! Mehr weiß ich nicht!«
Seine Aussagen waren wie Stecknadeln im Heu. Sollte ich die halbe Stadt nach ihr absuchen?
Ich ließ mir Zeit, dem Richter meinen ganzen Zorn spüren zu lassen.
Mit Stahl und Schmerzen brachte ich ihm die Botschaft der Chaosklinge. Knochen brachen, Zähne rollten und Haut und Haar brannten!
Seine Schreie verhallten in dieser Nacht ungehört im Haus.
Nichts hatte mir bisher mehr Genugtuung bereitet.
Ich hob zuletzt seinen zerschlagenen Kopf und sah in die blutunterlaufenen Augen. »Solltet Ihr es jemals wieder wagen, Euch der Chaosklinge in den Weg zu stellen, werden sich unsere Wege erneut kreuzen!« Mit diesen Worten ging ich aus dem Haus und hinterließ einen verstümmelten Körper.
Kurz vor Morgengrauen erreichte ich die Kaserne.
Der Rückweg fiel dank der Schattenklingen ebenso einfach aus wie der Weg hinein. Der gekaufte Offizier hielt sein Wort. Somit fand ich schnell wieder zurück zur Taverne. Zurück nach Hause!

Vier Tage waren seit dem Besuch beim Richter vergangen. Alpträume quälten mich. Nacht für Nacht sah ich die Frau mit dem Amulett in den Fürstenpalast verschwinden. Sie ließen mich nicht mehr los. Selbst am Tag dachte ich fast pausenlos daran. Wie konnte ich sie finden? Wo war das Treffen? Warum trägt sie das Auge?
Nachdem der Auftrag erfolgreich ausgeführt wurde, konnte Karuv seinen prahlenden Stolz nicht für sich behalten. Bei jedem Training und jeder Gelegenheit ließ er alle wissen, was für eine Waffe er mit mir hervorgebracht hatte. Einen Meistermörder!
Selbst Terok schickte ab und an seine Sklavinnen in mein Zimmer – die mir so manche Nächte versüßten.
Nur von Goralx fehlte jede Spur.
Ich machte mir Sorgen – weiß ich doch wie Karuv mit ihm umzugehen pflegte.
Der Lehrmeister meinte nur, dass Goralx beschäftigt sei und ich mich nicht mit ihm befassen sollte.
Ich wollte ihn mehrmals suchen gehen. Aber ich fand nie eine Gelegenheit. Immer wieder wurden mir weitere Aufträge zugewiesen.
Anscheinend schätzten die Meister meine Gründlichkeit, Probleme derart zu lösen, wie es mit dem Richter im Oberen Viertel der Fall war.
Langsam machte ich mir auch unter den Gildenmitgliedern einen Namen. Viele trainierten in der großen Halle an meiner Seite oder saßen danach am selben Tisch, der zuvor noch von Leere geprägt wurde.
Nur Hauptmann Maev erfreute sich keineswegs über meine steigende Beliebtheit. Am liebsten hätte er mich in seiner Eifersucht in einen Haufen Fleisch verwandelt. So viel war sicher!

Die kommenden Stunden verbrachte ich in der Taverne der Gilde. Ein Barmädchen brachte mir einen Krug Schwarzbier und ein paar Scheiben Brot mit Ziegenkäse.
Ich zog das Kuvert aus dem Gürtel, welches ich zuvor auf dem Nachttisch neben meinem Bett gefunden hatte.
Der Umschlag enthielt einen Brief:

Krayac!
Ihr seid wie ein Sohn für mich geworden.
Nur für Euch sind diese Zeilen bestimmt.
Niemand anderes wäre besser geeignet. Niemand!
Die Zeiten, die auf uns lasten, sind schwer. Es herrscht ein verräterischer Krieg an allen Fronten – und wir sind mittendrin!
Trefft Euch mit einem unserer Verbindungsmänner an den Docks. Sein Name ist Meret, er ist einer der Offiziere des dortigen Wachpostens. Er kontrolliert den Hafen und somit den gesamten Umschlagplatz der Waren, die Nêrath erreichen oder verlassen.
Von ihm erhaltet Ihr weitere Instruktionen!
Gebt auf Euch acht!
Der Weg, den Ihr bestreiten werdet, ist tückisch!
Gez. Terok


Ich steckte den Brief zurück und verbrannte ihn samt der Hülle über einer lodernden Kerze.
Obgleich mir der Auftrag wie ein Botengang erschien, packte ich meine Sachen und machte mich nach dem Essen auf den Weg – hinauf zum Rostigen Dolch.
Der Wirt am Tresen nickte mir kurz zu und wandte seinen Blick rasch wieder ab.
Ich ging in Richtung Ausgang, vorbei an zwei Schlägern, die ihre Zeit mit Trinkspielen vertrieben und nur auf den nächsten ungebetenen Gast warteten.
Die Taverne war selten gut besucht, was mich nicht sonderlich wunderte. Kaum jemand, der nicht auf Ärger aus war, würde einen Fuß in dieses Gebäude setzen.
Im Hafenviertel angekommen dämmerte es bereits und dutzende von Arbeitern leerten die reichgefüllten Bäuche der Handelsschiffe, die im Hafen vor Anker lagen. Stets flankiert von Soldaten der Stadtwache, die ihre wachsamen Augen über den Ablauf der Arbeiten hielten.
Am nördlichen Ende der Hafenanlage erhob sich der Kontrollposten. Er wurde nicht bewacht. So erwies es sich als kein schwieriges Unterfangen, an die Seitentür des Bauwerks zu gelangen, das direkt an der angrenzenden Stadtmauer stand.
Versteckt hinter einem Baum, der an die Steinwand grenzte, wartete bereits ein breitschultriger Mann in Kettenhemd und kurzen blonden Haaren.
»Seid Ihr Meret?«, frage ich den Offizier, der gemäß seinem Rang den weißen Umhang der Stadtwache und den Münzhaufen auf dem Wappenrock trug.
Der Soldat nickte grimmig und zerrte mich hektisch ins Halbdunkel.
»Kommen wir zur Sache! Wir haben nur sehr wenig Zeit unsere Angelegenheiten zu besprechen, bevor meine Männer ihren Dienst beenden. Es wurde auch Zeit, dass Terok jemanden schickt. Die ganze Geschichte wird mir langsam zu heiß!«, schluckte er umsichtig und wippte dabei regelrecht vor Vorsichtigkeit hin und her.
»Dann spuckt aus, was Ihr für mich habt!«
»In den letzten Tagen überfluten uns die Schiffe mit immer mehr Waren und Rohstoffen. Viele Schiffsladungen voll mit Gütern gehen direkt an das Obere Viertel und werden von der Garde des Fürsten persönlich zur Kaserne geleitet. Wohl zu gefährlich für den Adel, ihr Hab und Gut in der Nähe des einfachen Volkes zu sehen. Der Rest wird unmittelbar von uns kontrolliert. Unsere Augen wachen über die gesamte Anlage der Docks, bis vor ein paar Tagen …«, erzählte Meret und seine Stimme begann dabei, immer leiser zu werden.
»Was ist passiert? Sprecht!«, fuhr ich ungeduldig auf.
»Nun … einige Waren, die für die Klinge bestimmt waren, sind verschwunden. Einfach so. Ohne das ich etwas mitbekommen habe. Sie lagerten auf einem der Schiffe, getarnt zwischen den Handelsfregatten. Es wäre kein großer Verlust gewesen, doch der Inhalt der Kisten war von hohem Wert für die Kriegsmaschinerie der Gilde und hatte besonderen Schutz nötig. Ich habe die vergangenen Tage und Nächte damit zugebracht, deren Verbleib ausfindig zu machen. Meine Späher lieferten schließlich brauchbares … Namen!«
»Welche Narren wären dumm genug? Wissen sie überhaupt wen sie bestohlen haben?«
Er antwortete nicht, sondern gab mir nur ein gefaltetes Papier. »Nehmt diese Liste und macht Euch auf den Weg. Lasst Ihre Köpfe rollen!«, zischte er mit verhasster Stimme. »Ich gebe Euch einen guten Rat, haltet Euch im Schatten, der einzige Freund, den Ihr haben werdet, ist die Schwärze der Nacht. Vergesst niemals … Vertrauen in dieser Stadt gehört wie ihr damaliger Glanz der Vergangenheit an. Wählt Eure Freundschaften mit Bedacht. Und jetzt verschwindet, wir bekommen Besuch!« Mit diesen Worten verschwand Meret durch den Seiteneingang des Wachpostens.
Kurz darauf wurde die Umgebung lauter. Die Schritte der Soldaten, die von ihrem Schichtdienst zurückkamen, waren zu hören.
Ich schlich am Rand der Stadtmauer aus der Sichtweite der ankommenden Münzröcke und nahm den schnellsten Weg in eine vom Sonnenuntergang nur spärlich beleuchteten Gasse.
Unter einer rostigen Laterne holte ich den zerknitterten Zettel hervor. Auf ihr standen zwei Namen: Großhändler Aren Marces und Söldnerkommandant Varga.
Mir waren diese Namen nur all zu gut bekannt.
Marces war ein größenwahnsinniger Händler, der für seine Profite keinen Finger krümmen würde, solange Loyalität und Verrat mit Geld zu kaufen waren. Er nahm sich in der Unterstadt alles! Ungehindert. Da er in der Gunst des Fürsten stand, übernahm er den gesamten Handel in der Unterstadt. Vom Straßenhandel bis zum Großmarkt war er es, der sämtliche Gewinne einstrich und dafür sorgte, dass jegliche Waren zu Wucherpreisen an den Käufer gebracht wurden.
Als ich Nêrath verließ und in den Hortlingkrieg zog, tauchte ein weiteres Übel auf. Viele Soldaten im Feldlager redeten davon, dass Söldnergilden die Hauptstadt geradezu überschwemmten. Aus ihren Reihen trat ein junger Kopf namens Varga hervor. Er vereinte die Söldner und wuchs zu einem Geschwür heran, das dieser Stadt den letzten Funken Glanz und Menschlichkeit aussog.
Ich fragte mich, was gerade diese Figuren geritten hatte, miteinander Geschäfte zu machen. Obwohl es bald niemanden mehr interessieren würde, wenn ich mit ihnen fertig bin.
Ich verließ die Gasse und genoss den kühlen Wind, der durch die befestigte Hafenpromenade wehte. Kaum ein anderes Gefühl hatte mir seit meiner Kindheit mehr Freiheit geschenkt.
Mir kam es vor, als wären die Jahre kaum vergangen, als mich mein Vater an die Docks mitnahm und mir seine Arbeit zeigte …

Wir standen auf dem großen Anlegeplatz und sahen zu, wie unzählige Schiffe in den Hafen einliefen und entladen wurden. Exotische Köstlichkeiten aus weit entfernten Ländern. Seltene Tiere für die idyllischen Gärten der Stadt. Und die sanftesten Stoffe für die geschicktesten Schneider.
Kaum einer der Bewohner verzichtete auf seinen Luxus in dieser Zeit, als Armut und Hunger nur in den hintersten Winkeln anzutreffen waren. Wer sich Prunk leisten konnte, der nahm sich, was er wollte. Ohne zu bedenken, welche Auswirkungen es auf Dauer haben sollte, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer würden.
Nicht einmal der Glaube an eine Gottheit manifestierte sich in den Köpfen der Menschen Erdenheims. Ihr einziger Glaube galt dem Eigenwohl und materiellen Vorteil … Und dafür gab es keine Kirchen und Tempel!
Vater sagte, dass diese Stadt der Mittelpunkt jener Herzen sei, die darin ihre Heimat fänden. Und jeder einen Beitrag zu leisten hätte, um seine Liebe in jedweder Form zu verteidigen. Denn es gab so viel Gutes in dieser Stadt, die es zu schützen galt.
Auch wenn ich damals nicht genau verstand, was er damit gemeint hatte, prägten diese Worte mein künftiges Leben.


Wolken zogen sich am nächtlichen Himmel zusammen und ein leichter Regen setzte ein. Nach meinen letzten Informationen hielt sich Marces in seinem Anwesen im Händlerviertel auf, das sich östlich vom zentralen Marktplatz befand.
Der Weg war lang und in gewisser Weise erfüllte mich Glück darüber, diese Momente für mich alleine zu haben. Ich genoss die erfrischende Berührung der Wassertropfen, die wie Diamanten von meinem Gesicht perlten.
Mir war klar, was mich in ein paar Stunden erwarten würde. Es würde keine Leichtigkeit sein, den Großhändler aus dem Verkehr zu ziehen. Und doch war es mir egal – Angst oder Gewissen plagten mich nicht.
Dinge, die es unmöglich machten, in dem Nêrath von heute zu bestehen. Eine Art des Daseins, das ich wählte, um zu überleben.
Es wird keine Zukunft mehr geben für den Großhändler!