Kapitel 3

Die Chaosklinge

Kurz nachdem wir die wacklige Holzbrücke überquerten, führte mich Terok durch die mir zuvor bekannten Gänge.
Sie mündeten alle an einem offenen Platz oder besser gesagt an einer zentralen Weggabelung und boten damit eine ersehnte Möglichkeit zur Orientierung. Ich fragte mich bereits, ob hier überhaupt jemand wusste, wohin er ging.
Einer der Wege lotste uns direkt zu einer einfachen Tür, ganz anders wie ihre seltsamen Vorgänger. Dahinter tobte ein Tumult aus menschlichen Stimmen und zerschellendem Geschirr.
»Was ist das für ein Lärm?«, fragte ich.
Der Alte ließ sich mit seiner Antwort dramatisch viel Zeit und betrat in übertriebener Theatralik den Raum. »Eine einzigartige Gemeinschaft, die Ihr so nicht nochmal finden werdet!«, erwiderte er selbstsicher.
Der gesamte Saal verharrte in plötzlicher Stille.
Überall standen besetzte Stühle und gedeckte Tische. Auf ihnen ihre grimmigen Besitzer, die neugierig auf die offene Eingangstür starrten.
»Wo sind wir hier?«
»Das sind die untersten Keller der Taverne Zum rostigen Dolch, Ihr habt sie sicher schon einmal gesehen«, meinte er.
In der Tat hatte ich das. Sie lag nicht weit von meinem Elternhaus im Elendsviertel entfernt und wurde von den übelsten Schlägern und kräftigsten Säufern besucht.
»Dank des schlechten Rufs stellt sie ein ideales Versteck dar. Selbst die Stadtwachen wagen es nicht, einen Fuß über unsere Grenzen zu setzen«, erklärte der Gildenmeister stolz.
Jeder, der den Blickkontakt zu Terok suchte, fand sich kurz darauf in einer ehrfürchtigen Verbeugung wieder.
Er schien ihre Gesten mehr als nur zu genießen. Sein verstohlenes Lachen verbarg das, was Worte nie zu formen vermochten: unantastbare Herrschaft.
Wir schlängelten uns durch die vielen Gäste, während das süffige Getümmel wieder lautstark tobte.
Der Hinterausgang wies zu einem Flur, der wie die anderen mit einem Teppich ausgelegt war. Bewaffnete Krieger zogen dort ihre Bahnen oder lauerten in den Schatten.
»Unsere Augen und Ohren sind überall wie Ihr seht. Diese Gemäuer sind sehr gut geschützt und ich werde nicht zulassen, dass eine leichtsinnige Unachtsamkeit ihre Existenz fordert! Die Stadt ist ein Sumpf aus Verrat und Korruption geworden und steht kurz davor, in ihrem Chaos restlos zu versinken. Es wäre närrisch, sich in diesen Zeiten in Sicherheit zu wiegen.«
»Welcher Feind steht Euch so mächtig gegenüber, dass Ihr solch einen Schutz benötigt?«, fragte ich den Gildenmeister, der mittlerweile eine ernste Miene aufgesetzt hatte und die mir schuldig gebliebene Antwort damit regelrecht aufsog.
Wir erreichten unterdessen ein möbliertes Zimmer. An einer Seite stand ein kleines, aber komfortables Bett, vor dem eine Truhe mit Stahlbeschlägen lagerte. Neben einem robusten Kamin, der den Raum wie an einem Sommertag erhellte, weilte ein gepolsterter Stuhl an einer Anrichte.
»Hier werdet Ihr Ruhe und eine persönliche Zuflucht finden. Seht es als eine der gefälligen Aufmerksamkeiten, welche ich meinen Getreuen zuteilwerden lasse«, sprach Terok, dessen Zorn langsam verflog. »Ich werde Euch schon bald brauchen«, lächelte er verheißungsvoll und ließ dabei die Tür hinter sich in die Angeln springen.
Ich dachte nicht weiter über seine Launen nach und schob den Stuhl zur Feuerstelle.
Auch wenn es unglaubwürdig klang, aber ich fühlte mich in den Katakomben immer wohler – weit weg vom Alltagstrubel und den Gefahren der Straße. Wobei ich es lieber vorzog, im Schutze der Nacht durch Nêrath zu streifen. Doch in der jetzigen Situation konnte mir keine bessere Fügung widerfahren und somit lehnte ich mich immer entspannter in die weiche Lehne zurück, bis die Tür mit einem heftigen Ruck aufsprang und ein abgemagertes Kind zum Vorschein kam.
Der Schock wuchtete mich nicht nur aus dem Stuhl, sondern entfachte die ersten Tränen meines Lebens.
Kein Junge oder Mädchen stand vor mir. Weder war das ein Traum noch ein übler Spaß. Stattdessen der Grund, welcher meinem Leben eine drastische Wendung gab.
Ein Hortling!

»Krayacse?«, rief eine hohe kratzige Stimme.
Ich wischte mir die Feuchtigkeit aus den Augen und starrte den Graupelz ungläubig an.
»Terok hat befohlen, ja befohlen, dich zu holen, guter … äh, braver Goralx … tut, was man ihm sagt«, murmelte er.
»Goralx?«, fragte ich verwundert und richtete mich mühselig wieder auf, sodass ich direkt vor meinem Besucher kniete. Durch die Größe und den dünnen Körperbau war er selbst in dieser Position ein Winzling. Würde ich stehen, reichte er mir sicherlich nur knapp bis unter den Oberschenkel.
Der kindliche Hortling sah mich verwundert fragend an. »Ja! Ich starker, mächtiger Goralx … Ja, das Name! Du mir folgen, folgen Goralx«, prahlte er größenwahnsinnig, während seine überlangen Ohren, die eher den Flügeln einer Fledermaus glichen, dabei vor Ungeduld wankten.
Ich kam seiner Aufforderung weder nach, noch verspürte ich das Verlangen, sie zu verstehen. War das tatsächlich ein schlechter Witz? Ein Hortling? Hier in Nêrath? Wir haben doch alle von ihnen …
Sumpfgrüne Augen kamen immer näher, stierten mich prüfend an und zeigten dabei ihre unverhältnismäßige Übergröße zum Rest des rundlichen Kopfes. Bekleidet mit einer braunen Lederkappe – deren Enden seitlich herunterbaumelten – verbarg nur ein dichter grauer Pelz seine leicht gekrümmte Haltung.
Nein, das war kein Scherz! Und damit spürte ich wieder dieses bedrückende Gefühl, das ich seit dem Tag, als ich jenes Blut vergoss, mit mir herumtrug.
Ich wollte mich entschuldigen, für alles, was ich ihm und seinem Volk antat. Aber was würde es bringen, zu sagen, wie viel Schuld an meinen Händen klebte. Sein Herz erneut in die Erinnerungen dieser schrecklichen Zeit schicken? Oder meine Schuld ihm gegenüber zu begleichen? … Ich weiß es nicht.
»Krayacse? Du kommst?«, fragte er zappelig und begann sich im Kreis zu drehen wie ein spielendes Kind.

Er brachte mich zu einem ungewöhnlichen Ort: Stalagmiten ragten aus dem Boden und Brücken aus Holzstreben bildeten darauf ein dichtes Netzwerk von Hügeln.
Auf ihnen kämpften mehrere leicht gerüstete Krieger gegeneinander. Ihre Leichtfüßigkeit war erstaunlich, jeder fehlerhafte Schritt prophezeite einen fatalen Fall. Viele der Gesichter, die ich sah, waren jung, zu jung, um diese schlechte Welt zu verstehen. Aber hier wurden sie durch den langen Arm Teroks zu tödlichen Werkzeugen geformt.
Es war sein Reich. Sein Wort stand über allem. Und keiner wird dies je in Frage stellen.
Zahlreiche Ausbilder taten schwer daran, die Lehrlinge in ihrem Blutrausch unter Kontrolle zu halten.
Goralx hielt an und zeigte mit dem Finger auf die angehenden Meuchelmörder. »Die Schüler des Meisters, kämpfen … kämpfen, um zu töten. Feinde, ja Feinde des Meisters.«
»Feinde des Meisters?«, fragte ich.
Der Hortling schaute sich mehrmals panisch um, als er mir davon erzählte. »Ja … der Krieg … viele … viele Opfer fordert. Oberfläche voll davon, ja voll mit Krieg!«, stotterten seine klapprigen Lippen.
Ich konnte seine Angst spüren, wo doch gerade seine Rasse die volle Wucht menschlicher Brutalität zu spüren bekam. Doch verstand ich ihn kaum. Warum sollte Terok einen Krieg führen? Gegen wen?
Goralx führte mich weiter durch die riesige Höhle, die eine einzige große Trainingshalle bildete und sich unglaublicherweise unterhalb des Elendsviertels befand.
Die meisten der Trainingsanlagen hatte ich bis heute noch nie gesehen. An den Wänden standen etliche Strohpuppen, die menschliche Torsos nachahmten. Auf einer anderen Seite beherbergten ganze Straßenzüge detailgetreue Häuserattrappen, wie sie auch in der Stadt zu finden waren.
An Pfeilern wurden Sklaven und Streuner festgekettet. Diesen wehrlosen Geschöpfen war nicht bewusst, welches Elend über ihr noch so kurzes Leben hereinbrechen wird.
Vor meinen Augen entfaltete sich ein Schauplatz der absoluten Gewalt – das Singen des aufprallenden Stahls und die stöhnenden Körper der kriegsdurstigen Kämpfer. Und dennoch gab es mehr zu lernen als nur das Töten.
Künstlich angelegte Irrgärten spickten flinke Helfer mit tückischen Fallen – welche listige Lehrmeister an allen Ecken und Enden anbringen ließen. Einer nach dem anderen versagte und wurde mit Stockhieben bestraft.
Wir beobachteten eine Weile die verschiedensten Trainingseinheiten, die überall auf dem Gelände stattfanden – ein kurzer Ausblick darauf, wie das künftige Übel über Nêrath hereinbrechen wird.
Bis eine schlafende Bestie auf den erdigen Boden der Halle marschierte und eines der beiden monströsen Zwillingsschwerter zog.

Die einschneidige Klinge war an ihrem Rücken übersät mit eingearbeiteten Eisenzähnen. Am Heft und Knauf verliefen lange Stacheln, die mit Sicherheit schon einige feindliche Schädel geknackt hatten.
Ich hatte mich schon gewundert, wo der Hauptmann abgeblieben war. Seine Haltung war mehr als aggressiv. Irgendetwas schien im sichtlich zuzusetzen. War es meinetwegen?
Schwarze Ringe hafteten unter seinen Augen und unterstrichen damit nur das bullige Auftreten. Als würde ein Inferno aus Stahl und Fleisch in voller Mordlust im Einklang regieren.
Goralx ließ seine Fledermausohren hängen und lief verängstigt weg.
Maev spuckte dem Hortling hinterher und wandte sich daraufhin sofort meiner Wenigkeit zu. »Terok hat Euch also in unsere Gemeinschaft aufgenommen!«, sprach der mitgenommene Krieger, dem die verschwitzten langen schwarzen Haare an Kopf und Rüstung klebten. »Noch betrübt wegen Eurer Gefangennahme? … Oder habt Ihre Eure verzweifelten Schreie in den Kerkern der Kanalisation schon vergessen?«, grinste er höhnisch und begann mich zu umkreisen.
Kanalisation? Ich dachte, dass ganze Areal wäre ein Höhlenkomplex unterhalb der Taverne. Aber wenn sie an die Kanäle grenzte, besitzt die Chaosklinge ein Wirkungsbereich, der deutlich über dem liegt, was ich mir zuerst ausmalte.
»Schweigend? Nun, dann wollen wir doch einmal sehen, ob Ihr wirklich so talentiert seid, wie Terok von Euch spricht!«
Einfache Worte, mit verheerender Wirkung.
Der Hauptmann kam näher auf mich zu und zog dabei sein zweites Schwert. »Jetzt werdet Ihr erleben, was Schmerzen sind!«
Mit einem weiten Satz zur linken Seite wich ich einer gezielten Schlagkombination aus, die an meiner rechten Flanke auf den Boden einschlug. Während des Sprungs riss ich rasch meine Waffe aus dem Gürtel und antwortete mit einer schnell eingenommenen Abwehrstellung.
»Sagt mir, Krayac. Was hat der Gildenmeister dabei gedacht, einen Straßenköter wie Euch in unsere Reihen zu lassen! Werdet Ihr uns auch verraten, Deserteur?«, zischte er und ließ die grausamen Klingen ihren tödlichen Wirbel weiter fegen.
Er verfehlte nur knapp erneut meine Seite und ich konterte mit einer blitzartigen Drehbewegung, die ihr Ende an seiner soliden Beinrüstung nahm.
Durch die Attacke ungedeckt knallte der stachelbesetzte Knauf auf meinen Rücken.
Glücklicherweise absorbierte der gepanzerte Schuppenumhang einen Großteil der Wucht und ließ den Angriff unbeschadet abgleiten. Und dennoch kam ich nur schwer – nach Luft ringend – wieder zum Stehen und zog mich rasch in eine sicherere Position zurück.
Der Barbar wurde immer wilder – angetrieben durch die lautstarken Zurufe der Schüler.
Ein Klingenhagel ungeahnten Ausmaßes prasselte auf mich herein. Es grenzte an ein Wunder, dass der Stahlregen meine Verteidigung nicht durchbrach.
Doch hörte es damit nicht auf. Die darauffolgende Offensive kündigte ein Gewitter von Stichen und Hieben an und ließ mich geradewegs in die nächste Wand krachen.
Es wurde offensichtlich, dass ich ihm hoffnungslos unterlegen war.
Der Hauptmann ließ sich von den Lehrlingen – die mittlerweile einen Halbkreis um uns gebildet hatten – feiern.
Diese Situation ausnutzend griff ich seine offene Flanke an und versetzte ihm donnernde Schläge auf Rücken und Niere.
Ohne Erfolg. Als ob man einen Granitblock mit bloßen Händen bearbeitet.
Meine Faust prallte ab und wurde kurz darauf mit einem krachenden Kinnhaken geläutert, der mich direkt zurück auf alle viere, schickte.
»Ihr seid es mir leid, Schüler!«, dröhnten seine keifenden Laute in mein Ohr und zerrte dabei meinen Kopf und Nacken heftig nach hinten. »Jeder hier, hat seinen Platz. Und jetzt habt Ihr den Euren. Vergesst niemals, wem Ihr Respekt schuldet«, trichterte er mir flüsternd ein, während er mein Gesicht in den Dreck drückte.
»Genug!«, erklang es scharf aus den hintersten Reihen.
Vermummte Wächter in schwarzen Rüstungen schoben sich durch die Ansammlung und ebneten den Weg für eine zierliche Gestalt.
Der Gildenmeister trat mit angespannten Zügen in den sichelförmigen Kreis.
Die Gesichter der Jünger verblassten bei der Anwesenheit ihres Herrn und verfielen in eine lähmende Haltung, als die Leibwachen einen Schutzring um ihn bildeten.
Aber seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem Hauptmann, der sich bereits neben mir postierte und mit seinen Augen wortlos den Grund abgraste.
»Was geht hier vor, Maev?«, tobte Terok.
»Gar nichts, Meister! Nur eine Lektion in Disziplin für einen Eurer neuen Schüler«, antwortete der Hauptmann, dem vor Angst und Ehrfurcht die Schweißperlen auf der Stirn standen.
Teroks Finger rankte nervös am Knauf seiner Waffe. »Nach gar nichts hört sich Eure Lektion nicht an. Sorgt dafür, dass dieser Ausbruch der Letzte war, sonst werdet Ihr es sein, der in Zukunft den Boden aus einer anderen Sicht erblickt!«, drillte der Alte.
Die Mimik des Hauptmanns verzog sich verachtend unter dieser öffentlichen Demütigung.
Ich konnte mir nicht vorstellen, welche Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden herrschten, aber sein Mienenspiel gab mehr über sein Innerstes preis, als er zu verbergen versuchte. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis die Bestie ihren Käfig durchbrechen und ihr Verlangen nach Fleisch stillen würde.
»Verschwindet aus meinen Augen. Alle!«, befehligte Terok gereizt.
Nachdem Maev mit einer leichten Verbeugung verschwand und die Adepten ihrem Training weiter nachgingen, ergriffen mich zwei Hände und hievten mich auf die Füße.
Der Meister stand wortlos da, schickte seine Leibwache, die mir beim Aufstehen geholfen hatte, weg und stierte mich schief an. »Ihr scheint den Ärger magisch anzuziehen«, lächelte er und verzog sein anfängliches Grinsen zu einer zerfurchten Grimasse.
Obwohl ich seine garstige Visage ein weiteres Mal ertragen musste, war sein Auftauchen ein wahrer Glücksfall. »Ich wollte keine Gelegenheit versäumen, mich in meinem neuen Zuhause beliebt zu machen«, gab ich ermüdend zurück.
»Wie ich sehe, habt Ihr das Zentrum unserer Vereinigung gefunden. Ich hatte schon befürchtet, dass Goralx Euch zu irgendeiner Abstellkammer führt.«
Es machte mich auf eine gewisse Art glücklich, den Namen des kleinen Hortling zu hören. Er brachte mir seine schräge kindliche Art in den Kopf, die mich zum Nachdenken brachte. »Sagen wir es so, Euer kleinwüchsiger Diener hat sich als sehr hilfreich erwiesen.« Nach dieser Würdigung drehte ich mich mehrmals um, aber von dem Hortling fehlte jede Spur.
Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Goralx panisch reagierte, doch aus welchem Grund fürchtete sich der Kleine so?
»Er ist eine treue Seele, müsst Ihr wissen – und ein ausgezeichneter Dieb. Besonders Gold scheint den kleinen Burschen magisch anzuziehen und davon haben wir in dieser Stadt nicht wenig, wenn man weiß wo man suchen muss. Wir haben ihn in einem Käfig an einem Stand für exotische Haustiere entdeckt.«
Seine Schilderung machte mich sauer.
»Und das ist er jetzt für Euch? Ein Haustier? Er hat es nicht verdient, gehalten zu werden«, versuchte ich ihm bewusst zu machen.
Terok sah mich kritisch an. »Eure Mitgefühl gegenüber dem Hortling ist … interessant. Aber behaltet sie lieber für Euch. Niemand auf Erdenheim schert sich um graues Blut! Denn dank mir lebt er jetzt noch. Oder glaubt Ihr etwa, die Stadtbewohner hätten einen Hortling in ihren Straßen geduldet?«
Mir war klar, dass er als Wohltäter gesehen werden wollte. Doch waren seine Worte keine Lüge. Goralx hätte keinen Tag überlebt!

Es vergingen einige Tage in der Gilde. Mir wurde etwas Zeit gegönnt, einen klaren Kopf zu bekommen und mich an mein neues Zuhause zu gewöhnen.
Ich nutzte die Zeit und erforschte die Gewölbe die, wie Maev erwähnte, von der Kanalisation bis in unbekannte Tiefen reichte.
Im Unterreich verliefen Verbindungsgänge, die sogar abseits der Kanäle in die Stadt führten und an unscheinbaren Orten, wie Lagerräume und Stallungen endeten.
Auf den verschiedensten Ebenen behüteten im Schatten verborgene Gestalten die Grenzen und drohten, schwer bewaffnet, jedem Eindringling, sein Leben zu verkürzen. Terok hatte in diesem Fall nicht übertrieben. Diese Klüfte wurden stark beschützt.
Nur selten kam mir jemand entgegen oder suchte den Kontakt mit mir. Ich fragte mich jedes Mal, wie sie mich sahen. Als verbitterten Außenseiter? Oder mehr noch, als Feigling? Hatte ich überhaupt Einfluss darauf, wie sie mich behandelten? Eines stand fest. Hauptmann Maev wird alles daran setzen, seinen Hass gegen mich erblühen zu lassen.
Aber ich verspürte Hoffnung, was meinen Aufenthalt anging. Wenn auch nicht durch die Menschen hier, sondern durch ein kleines graues Wesen, das aus einer Nische vor mir auftauchte.
»Zeit es ist, Krayacse!«, stammelte Goralx.
Zweifelnd schmunzelnd hob ich eine Augenbraue und versuchte ernst zu wirken. »Zeit für was?«
Der Hortling begann zu lächeln, was seine scharfen Zähne noch gefährlicher wirken ließ. Aber seine weit aufgerissenen Augen zeigten in meiner Anwesenheit Freude. »Zu werden großer Kämpfer. Großer Kämpfer wie Goralx. Ja! Goralx!«, rief er selbstsicher und hob sein Kinn stolz empor.
Ich konnte mir mein Grinsen nicht verkneifen.
»Karuv auf dich wartet. Große Halle er ist. Mit vielen Waffen. Ja! Vielen Waffen! Waffen … um Goralx weh zu tun!«, wimmerte er.
»Wer ist dieser Karuv?«
»Lehrenmeister … nein … Lehrmeister er ist! Sehr mächtig, aber böse zu bravem Goralx.«
Auf dem Trainingsgelände wartete bereits der ungeduldige Ausbilder, der in der einen Hand den Griff einer Peitsche hielt und mit der anderen die Schlangenhaut in der Handfläche auf und ab federn ließ.
Anscheinend hatte ich die Ursache seiner Ängstlichkeit soeben gefunden.
»Warum hat das so lange gedauert? Hattest du nicht Befehl, ihn sofort zu mir zu bringen?«, züchtigte er den jetzt in sich zusammengekauerten Zwerg und ließ die Treibschnur gefährlich nahe neben ihm einschlagen.
»Nein! Bitte! Goralx hat … hat getan, was ihm gesagt«, zitterte sein gegeißelter dürrer Körper.
»Deine Nutzlosigkeit kennt keine Grenzen, nicht wahr? Scher dich zurück in dein Loch!«, tadelte er Goralx und versetzte dem Hortling einen heftigen Tritt, der ihn ungebremst in die Gegenrichtung beförderte.
Ich wollte eingreifen, um die Maßlosigkeit zu unterbinden, aber wenn dies mein künftiger Mentor werden sollte, so wäre das keine gute Idee gewesen.
»Haha! Nichts versüßt mir den Tag mehr. Dieses Vieh verdient es nicht anders!« Sein Gelache spiegelte eine Reihe fehlender Zähne wider, die in den abgehärteten Gesichtszügen ruhten.
»Ihr seid also Teroks Schützling. Ich habe Euren Kampf gegen unseren guten Maev gesehen. In Euch steckt viel Potenzial.«
»In der Tat gab es einige Unstimmigkeiten zu klären«, erwiderte ich wortkarg.
»Haha! Gut so! Terok sprach in den höchsten Tönen von Euch. Es sollte demnach nicht sehr lange dauern, Euch vorzubereiten.«
»Vorzubereiten? … Auf was?«,
Karuvs Antwort beschränkte sich neben einem seichten Seufzen auf eine winkende Geste, die mir signalisierte, ihm zu folgen.
Wir durchquerten die Halle, die zuvor noch unzählige Gildenmitglieder bei ihrem täglichen Training beherbergte.
»Für die kommende Zeit wird dies Euer Zuhause und Euer Leben sein«, erklärte er.
Ohne Umwege fanden wir direkt unser Ziel. Übungsgeräte und Gestelle mit Holzwaffen standen an diesem von Sand überdeckten Platz für uns bereit.
»Das Schwert ist immer nur so stark wie die Hand, die es führt. Beweist mir, dass Ihr stark genug seid, Schüler!«, und streifte währenddessen seine Brustrüstung ab und stelle sich mir provozierend gegenüber.
Seine Statur erwies sich als unscheinbar kräftig. Er wirkte erst recht schlank, doch sprach sein Körperbau etwas anderes.
Ich tat es ihm gleich und postierte mich mit entblößtem Oberkörper auf die andere Seite.
»Euer Schöpfer hat Euch mit Größe und Kraft gesegnet, Krayac! Wisst nur, dass selbst die zähesten Muskeln versagen, wenn Zweifel Eure Bemühungen säen. Und nun greift mich an!«, befahl der Lehrmeister.
Auf diese Worte hatte ich gewartet – dieses ewig ratternde Maulwerk schließen zu können.
Jetzt barg das einzige Geräusch den knisternden rauen Sand unter unseren schweren Stiefeln.
Mein erster Schlag führte ins Leere und wurde prompt durch einen Fausthieb in die Seite gekontert.
Ohne zurückzuweichen, trieb ich meinem konzentrierten Gegner mehrere Hagelschläge auf die Brust. Doch schien es ihn kaum zu kümmern.
Ich wich zur linken Flanke hin aus, als er auf mich losstürmte, und hinterließ einen harten Treffer mit der Handkante auf den sehnigen Nacken.
Unbeeindruckt hämmerte er seine Faust gegen meinen Kiefer.
Ich spuckte einen Schwall Blut und schmetterte meine wutgespickte Antwort in sein Gesicht. Das Knacken von Knorpeln und Knochen klang wie Musik in meinen Ohren.
Noch hielt er das Gleichgewicht und scherte nach hinten weg. Seine Augen waren von platzenden Adern durchzogen und aus Nase und Mund tropfte immer mehr des roten Lebenssaftes. »Ein Glückstreffer!«, grinste er geschwollen.
Ich versuchte erst gar nicht, auf den Kommentar einzugehen, und erwartete den kommenden Konter.
Dieser ließ nicht lange auf sich warten. Mit beeindruckender Schrittkombination ging Karuv in die Offensive. Schläge landeten auf Brust und Bauch und trommelten danach unmittelbar auf beide Nieren.
Die Wucht katapultierte mich regelrecht zu Boden. Ich bekam kaum noch Luft und spürte, wie meine Muskeln vor Anstrengung zitterten.
Ich fing an, seine Haltung zu mustern – eine Schwachstelle, die es mir erlaubte, einen gezielten Gegenstoß zu setzen.
In einem zügigen Satz sprang ich auf die Beine und entlud die geballte Ladung meiner Faust an seine Schläfe.
Kurz schien der Meister zu wanken und mit einem Tritt in den pulsierenden Brustkorb verschwand dessen Gestalt auf die körnige Substanz.
Egal was ich ihm entgegensetzte – er stand danach noch fester und nahm, ohne zu zögern, seine Kampfposition wieder ein.
Er musterte mich und ging daraufhin verdutzt an mir vorbei. »Das genügt fürs Erste«, flüsterte er und warf mir einen Schlauch kühlen Wassers zu. »Ihr seid ein harter Hund, Krayac. Viele haben nicht einmal ansatzweise so lange durchgehalten.«
»Die Straßen beherbergen mehr als einen harmlosen Faustkampf«, hielt ich ihm vor und griff nach einem durstigen Schluck.
Karuv sah mich fragend an. »Ich bewundere Eure Entschlossenheit. Aber selbst der schärfste Stahl wird irgendwann Stumpf und rostet. Das Einzige, was zählt, ist Beweglichkeit und nichts anderes hatte diese Kraftdemonstration zu bedeuten. Bewegung heißt überleben … Vergesst das Niemals!«

Das Krachen geschärfter Messer und das summende Schwingen von Äxten kündigte die nächste Aufgabe an: eine monströse, unheilvolle Konstruktion, durch die ein schmaler Durchgang in Form eines einfachen Holzbretts führte.
An verschiedenen Aufhängungen baumelten die Todesbringer und versperrten den tückischen Weg, während in kurzen Abständen aus sämtlichen Öffnungen zahlreiche Klingen den Boden spickten und ihren Blutzoll forderten.
»Erwartet Ihr von mir, dass ich diese Todesfalle durchquere?«, rief ich dem Lehrmeister zu und spähte ihn dabei schräg über die Schulter an.
»Seid kein Narr. Ihr seid zu gut, um mit den Standardlektionen der anderen zu beginnen.«
»Ich frage mich, zu welchem Nutzen ich bin, wenn meine Gliedmaßen in Einzelteilen vor Euch liegen.«
»Ein Grund mehr, Eure kommenden Schritte mit Bedacht zu wählen«, grinste der Verrückte.
Das ungezügelte Eisen glitzerte im Lichtschein von dutzenden Fackeln, als ich die Konstruktion betrat.
Die Sekunden und Minuten verronnen unter wallendem Adrenalin und meine Glieder glitten durch das Fegefeuer.
Jeder Atemzug entwickelte sich zu einem waghalsigen Tanz um den Kampf mit der Maschine.
Mein Blick fiel kurzerhand auf Karuv, der mit verschränkten Armen meinem Todeskampf beiwohnte.
Welche Art von Getier würde zulassen, dass ihre Schützlinge sich freiwillig zerfleischen lassen?
Mir stand der Schweiß im Gesicht – triefte an Hals und Brust entlang. Gedankenlos verlor ich jedes Geräusch, welches die vielen Dolche und pendelnden Beile von sich gaben.
Es gab nun keinen Rückzug mehr.
Nach und nach biss ich mich bis zu den letzten Hindernissen durch.
Zum Glück maß die gesamte Anlage nur zwei Längen eines ausgewachsenen Mannes – noch mehr war nicht zu schaffen. Eine falsche Bewegung und eine tödliche Strafe, wäre das Ergebnis gewesen.
Doch bevor sich das Ende in Reichweite befand, trat eine Rauchwolke auf, die mir die Sicht raubte. Und somit jene Konzentration, welche mir half, nicht in Stücke gerissen zu werden.
Ich sprang mit einem weiten Satz von dem Holzgerüst, als sich alles um mich herum in einen dichten Nebel hüllte.
»Was geschieht hier?«, schrie ich erschrocken auf.
Die Klingen verschwanden und an ihrer Stelle kamen harmlose abgestumpfte Holzwaffen zum Vorschein.
Mein Mentor stand nur da und räusperte. Er sah nicht so aus, als würde er sich darüber wundern, was geschah. »Seid Ihr so naiv zu glauben, dass wir unsere Schüler diesen Gefahren aussetzen?«, entgegnete er gelassen.»Was ist das für ein Täuschungswerk?« Ich rieb mir die Schweißperlen ab und trank erneut einen kräftigen Schluck aus dem Wasserschlauch. »Nicht noch einmal werdet Ihr versuchen, mich zu täuschen!«, brüllte ich ihn an.
»Ihr habt es bis zum Ende geschafft, ohne überhaupt getroffen zu werden. Was wollt Ihr mehr? Die Angst, jeder Schritt könnte Euer letzter sein, macht Euch stark. Habt Ihr gemerkt, welche Willenskräfte sie in Euch geweckt hat?«
Ich versuchte, mich zu sammeln und meine Wut zu vergessen. Ohne Frage bewies sich diese Methode der Illusion als ziemlich effektiv. Nur hätte ich es lieber auf eine andere Art erfahren.

Töten, morden, schlachten. Gleich einem Heilkundigen, der in seiner Tätigkeit als Halbgott zuviel Tatendurst verspürte und dem Leidenden Organ für Organ gegen seinen Willen herauszuschneiden begann. Oder einem Schlachter, der ein speckiges Schwein in mundgerechte Happen zerlegte und nicht darauf bedacht war, ob alle Regeln der Hygiene und des Tierwohls eingehalten wurden.
Dies alles beschreibt nicht mal annähend die folgenden Wochen und Monate, die Karuv in meine Ausbildung investierte. Er zeigte mir, was es hieß, ein Meuchelmörder zu sein.
Er offenbarte mir alle Arten des Mordens, die mir bisher unbekannt waren. Nicht selten bekam dies ein abgemagerter Gassenbettler zu spüren, der diese Erfahrung mit dem eigenen Leben bezahlte. Karuv benutzte sie als lebendige Puppen, um jeden tückischen Hieb so real wie nur möglich zu gestalten. Oder einfach, weil er Spaß daran hatte.
Jeder Tag barg neue Trainingseinheiten, die sich der energische Ausbilder einfallen ließ. Noch anstrengender, noch tödlicher.
Irgendwann kamen Aufträge an der Oberfläche hinzu. Zwar nur geringe, wie Schutzgelder von Händlern und Tavernenbesitzern eintreiben oder diverse Übergaben an den Docks zu überwachen. Später aber auch die Ausspähung kleinerer Diebesgilden, die den Aktivitäten der Chaosklinge in die Quere kamen.
Im Laufe der Zeit wurde die große Halle mein Zuhause.
Jede freie Minute verbrachte ich damit, meinen Körper zu stählen und jene Technik zu verbessern, die mich Karuv lehrte.
Selbst die unzähligen Gänge bereiteten mir keine Probleme mehr.
Im Training versunken, kam eines Tages mein Mentor auf mich zu. Er hielt eine lange, schmale Kiste in den Händen und setzte ein zufriedenes Lächeln auf. »Ihr seid mein bester Schüler, Krayac. Eure Ausbildung geht zu Ende, aber bevor Eure letzte Prüfung bevorsteht, habe ich ein Geschenk für Euch«, lobte er mich und öffnete den Behälter. »Das Schwert zu beherrschen ist ein leichtes – dass effizienteste, ist das hier: Die Waffen eines Meistermörders
Im Inneren betteten auf einem weißen Polster zwei elegant geschwungene Messer mit schwarzen Klingen.
Beidseitig geschärft endeten die geschwärzten Blätter an nach oben ragenden sichelförmigen Spitzen und ahmten einen Halbmond nach.
Die ebenfalls schwarzen Griffe bestanden aus strukturiertem Metall, die Scheiden aus dunklem Leder, welche an den Beinen mit einem Knopf befestigt werden.
»Damit zerlegt Ihr Euer Opfer wie Schlachtvieh. Getränkt in Schattenöl, lassen sie Euch eins werden mit der Dunkelheit. Verwendet diese dunkle Magie, um Eure Gegner zu täuschen, und nutzt den Vorteil der Verstohlenheit«, sagte Karuv und gab mir dabei das nickende Signal, die Waffen mein Eigen zu nennen. »Damit werdet Ihr im Kampf immer einen versteckten Schachzug auf Eurer Seite haben! Vertraut den Schattenklingen Eure Gedanken an und beschwört den Schatten herauf, um mit ihm zu verschmelzen. Schlagt ohne Vorwarnung zu!«
Es fühlte sich gut an. Die Schattenklingen waren leicht und lagen ausgewogen in der Hand. Ich probierte sie sofort aus und ging verschiedene Kampfabfolgen durch, die ich bereits gelernt hatte.
Bedenken zehrten an mir. Mein altes Schwert hatte mir immer gut gedient und trotzdem warf ich es, wie eine schlechte Erinnerung, von mir.
»Die Schwerpunkte sitzen deutlich weiter vorne. Ideal für Schwung– und Stichangriffe, um Eure Rivalen von allen Seiten zu attackieren. Das Geheimnis dieser Technik ist Schnelligkeit und Anpassung!«, erklärte er.
Wir übten jede Kampfkombination bis zur Perfektion und bis der letzte uns zur Verfügung gestandene Sklave ausgedient hatte.
Niemals hatte ich mich mächtiger gefühlt als in diesem Moment.

Um meine Ausbildung zu beenden forderte Karuv eine letzte Prüfung von mir: Ich sollte einem Richter im Oberen Viertel einen kurzen Besuch abstatten und mich beweisen.
Ich konnte es zuerst nicht glauben, dass er ausgerechnet mich dorthin schickte, aber so nah wie jetzt war ich meiner Rache noch nie. Und wenn sich eine Gelegenheit ergeben würde, erschlage ich Fürst Arian!
Der Besuch bestand darin, diesem »fetten Schwein«, wie Karuv ihn bezeichnete, eine Lektion zu erteilen. Er soll verstehen, dass sich niemand ungestraft gegen die Chaosklinge stellt. Allzu oft sprach er Urteile über die Mitglieder der Gilde, die nicht selten mit dem Tod vollstreckt wurden. Ab und an probierten Unterhändler mit Gold und Edelsteinen seine Gunst zu erkaufen – jedes Mal tauchten ihre kopflosen Körper am nächsten Tag wieder auf.
Wieso warf mich Karuv nicht gleich wie ein Brocken Fleisch vor ein Rudel hungriger Wölfe?
Der einzige Weg führte durch die schwer bewachten Kasernentore. Sogar die Kanalisation wurde vergittert. Seit der Seuche hatten zu viele versucht, das Obere Viertel über die Kanäle zu erreichen – mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Meine Garantie, in einem Stück hinein und wieder heraus zu gelangen, bestand aus einem gekauften Offizier. Es wunderte mich nicht, dass selbst loyale Soldaten der Stadtwache auf dem Gehaltszettel der Gilde standen.
Gegen Mitternacht würden sich die Tore öffnen und mir Zutritt verschaffen.
Zutritt zur Pforte der Hölle!