Kapitel 2

Teris, der Wahnsinnige

Das einzige Lebenszeichen in dieser Zeit bestand in dem Knarren der Gefängnisluke und einer Hand, die abermals etwas abgestandenes Wasser und Essensreste hineinstelle.
Die Kerze, die einst brannte und etwas Licht und ein wenig Hoffnung gab, erlosch schon vor langem – auch wenn ich nicht wusste, wie viele Tage bereits vergangen waren.
An den fehlenden Fenstern trieften die Wände vor Nässe und nährten das schimmelnde Stroh auf dem kahlen Steinboden.
Kein Bett oder eine Decke in der Dunkelheit. Nur die Todeskälte, die sich über meinen zitternden Körper legte – verstärkt durch die losen Gewebeschichten der zerrissenen Kleidung und den Schmerzen vergangener Prügel.
Ich träumte viel, von meinen Eltern und als die Seuche in der Stadt grassierte.

Der Gestank der Leichen trieb in meine Nase. Sie verendeten auf den Straßen, in ihren Häusern und eigenem Dreck.
Nichts prägte mehr das Landschaftsbild jener Zeit.
Dahingerafft von einer Krankheit, die mit rasantem Tempo voranschritt, bis die Haut Blasen warf und das Fleisch am lebenden Körper abzusterben begann.
Ein Verfall, den selbst die stärkste Medizin nicht heilen konnte.
Ich hörte die Schmerzensschreie meiner Mutter und sah ihr eingefallenes Gesicht, welches sie eines Tages regungslos auf dem Kissen bettete.
Mein Vater, der von Krämpfen zusammengerollt vor dem Kamin lag und seine letzten Atemzüge japste.
Und ich, der durch die Haustür auf den Weg des Elends entschwand. Eine Straße, die mich in die östlichsten Winkel Erdenheims führte.
Eine Straße in den Tod.
Eine Straße … in den Hortlingkrieg!


Ich glaubte nicht mehr daran, als das Quietschen des schweren Eisenriegels der Tür ertönte und in einem anhaltenden Knarren aufsprang. Im hereinfallenden Licht stand ein Mann mit zwei über Kreuz hängenden Schwertern auf dem Rücken.
»Das ist also der Deserteur!«, erklang eine von Hohn zerfressene Stimme. »Wir hatten schon von Euch gehört, Krayac. Jeder kennt die Geschichte desjenigen, der seine Waffenbrüder gegen die Hortlinghorden im Stich ließ!« Nach diesem Satz blieben mir die Worte im Hals stecken wie eine unzerkaute Mahlzeit.
»Überrascht? Der Krieg brachte viele Namen hervor. Besonders die von Verrätern!«, spie er und sah mich verachtend an. »Ich hoffe, Ihr habt Euch gut erholt
Es glich einem Faustschlag ins Gesicht, als darauf mehrere Gestalten lautstark in die Gefängniszelle strömten und mir schlagfreudig auf die Beine halfen.
Ich hielt mich nur schwerlich aufrecht, und meine Knie drohten jeden Augenblick zusammenzubrechen. Das Zittern ließ selbst durch den Schock kaum nach.
Zwei Schatten pressten mich an die kalte Steinwand und hatten alle Mühe, den bebenden Körper ruhig zu stellen. Ein Dritter zog einen rauen Dolch und setzte ihn mir flink an die Kehle.
Alles in mir zuckte zusammen, als der Stahl die Haut berührte.
»Wo ist es?«, fragte der langhaarige Mann, der ausdruckslos im Schein seiner Fackel näher kam.
»Wer … seid Ihr? Was wollt … Ihr von mir?«, war das Einzige, was meine schockierten Lippen zustande brachten.
»Wer ich bin? Oder besser was ich will?«, gierten seine hasserfüllten Augen, während sich in den Mundwinkeln immer mehr Schaum aufbaute. »Das Amulett! Habt Ihr etwa vergessen, was Euch hierher gebracht hat? Ihr giertet danach wie ein halb verhungertes Tier. Ein Wunder, dass ihr nicht von Eurer Kiste gefallen seid«, grinste sein ruchloses Gesicht.
Jedes der Worte hämmerte sich einzeln in meinen Kopf. Hat der Ruf des rubinroten Steins meine Sinne für die Realität so dermaßen vernebelt?
»Wo habt Ihr es versteckt?«
Die Klinge schmiegte sich unterdessen enger an die angeritzte Haut. Ich brachte kaum einen Ton hervor, ohne dass sie sich noch tiefer ins Fleisch grub. »Ich habe … es nicht«, bibberte aus mir heraus.
»Lasst ihn los!«, befahl er und schickte mit einer Handbewegung die Männer weg.
Ich sackte entlang der Wand zusammen und blieb auf dem Boden liegen.
»Haltet Ihr mich für einen Narren?«, entlud sich seine Stimme und trat dabei gefährlich nah auf mich zu. »Was hat ein Dieb sonst dort zu suchen? Teiltet Ihr Euch mit den Ratten die Reste, nachdem Ihr Euer Opfer ermordet habt, oder seid Ihr einfach nur dumm? So dumm, dass Ihr nicht verstehen wollt, was ich will!«
»Ich habe ihn nicht … getötet. Er war bereits tot, … als ich ihn fand!«
»Das interessiert mich nicht!«, raste er. »Wo ist es? Wo ist das Amulett?«, und hämmerte mir einen Stiefel in die Rippen.
Inmitten von tobenden Krämpfen und heftigem Stöhnen öffnete sich mein Mund unter dem dumpfen Aufprall.
»Ich … weiß es nicht«, log ich ihn an. Niemand anderes sollte davon wissen. Niemand anderes wird es der schwarzhaarigen Frau entreißen. Und keiner wird dem Ruf folgen!
»Falls Ihr mich belügt, werde ich Euch die Haut vom Fleisch reißen lassen«, zischte er. »Zu Eurem Glück gibt es noch jemand weiteren, dem es danach verlangt, Euch kennenzulernen. Aber wenn es nach mir ginge, hätte ich Euch schon vor einigen Nächten auf dem Zeltplatz erledigt«, sprachen seine wutgeprägten Worte. »Jetzt steht auf und folgt mir«, setzte er mit auffordernder Miene nach.
Ohne zu zögern, machte ich einen ersten Versuch aufzustehen. Doch gaben meine schwankenden Beine nach und ließen mich zurück gegen die Mauer krachen.
»Steht auf!«, zelebrierte er in einem erbarmungslosen Tonfall und holte erneut mit seinem Stiefel aus, der mich umgehend auf die wackligen Füße schickte.
Die kommenden Schritte wirkten schier endlos und der schmale Gang, der die Zellentür kreuzte, brachte die Freiheit.
Einer fernen Freiheit.

Unser Weg führte durch das karge Verlies. Ein Labyrinth, in dem kaum zwei Männer nebeneinander Platz fanden. Es hingen nur wenige Fackeln an Steinwänden und erhellten schwach die zahlreichen anderen Zellen – ihr Leuchten stach mir wie tausend Nadeln in die Augen.
Meine Beine wurden schwerer und träger und gaben bei jedem weiteren Schritt zunehmend nach.
Schreie von leidenden Gefangenen erschallte aus jedem Winkel. Schmerz und Verzweiflung prägten diesen Ort. Begleitet von der Gefühllosigkeit der Wachen, die in jedem Gang zahlreich patrouillierten.
Zeitlos und verloren nahmen die Tunnel ihr Ende an einer großen ovalen Holztür. Beschlagen mit spitzen Nieten gab sie den Eindruck völliger Isolation. Bestand ein Gedanke an die Möglichkeit zur Flucht, so war der Irrglaube an dieser Pforte zum Scheitern verurteilt. Nichts, was dahinter eingepfercht wurde, konnte den Ort lebend verlassen.
Drei der dort postierten Wachen salutierten vor dem Kerkermeister. Ein Vierter hämmerte eine komplizierte Abfolge von Klopfzeichen auf eine freie Stelle im Holz, das darauf unter knarrendem Getöse gegen das Gestein prallte.
Der kommende Weg glich, im Gegensatz zu den anderen, eher einem Flur, der mit einem rustikalen Teppich ausgelegt war. Er wirkte viel geräumiger und bot deutlich mehr Lichtquellen.
Man hörte aus allen Ecken und Enden den Lärm hektischen Treibens. Ich konnte nicht erkennen, woher die Laute kamen, aber es war wohl sinnlos, darüber nachzudenken.
Die Zeit verging und die Passage endete an einer engen Holzbrücke, die sich über einen breiten Abgrund erstreckte.
Dann dämmerte es mir. Das war kein einfacher Kerker, sondern eine Höhle und nach dem langen Marsch und der Unruhe im Inneren musste es ein riesiger Komplex sein.
Erst mit der Sicht unserer Fackeln auf die weite Höhlendecke samt den Stalaktiten schwand langsam das Gefühl der Isolation.
Die Bretter der Brücke knarrten und bogen sich unter dem drückenden Gewicht. Ich konzentrierte mich darauf, nicht nach unten zu sehen, und doch siegte die Neugier über den Verstand. Beim Angesicht zu Angesicht der ewigen Tiefe schoss mir das Adrenalin durch die pulsierenden Adern. Meine geballten Hände verkrampften an dem angebundenen Tau, welches sich jedoch als sehr robust erwies. Die überkommende Schwärze gab den Anschein, alles Lebende aufzusaugen und in ihrer Leere für immer zu begraben.
Doch auf der anderen Seite angekommen geschah etwas Seltsames. Vor uns erschien die nächste Höhlenwand, die sich in einem Halbkreis um eine Terrasse erhob.
In der Mitte – eine weitere Tür. Die, im Gegensatz zu der davor, deutlich weniger einschüchternd wirkte. Den Teil übernahm zweifelsohne der Riss der sichelförmigen Schlucht.
Aber sie hatte kein Schloss oder Griff, was sie als solche identifizierte. Nur eine runde Einbuchtung. Vielleicht lag es daran, dass es gar keine war, sondern etwas … anderes.
Der Kerkermeister tauchte seine Hand in einen Lederbeutel, der daraufhin eine unscheinbare Münze preisgab.
Sie entpuppte sich als ein Schlüsselstein, der perfekt in die Mulde einrastete, und fing dabei an, in einem grellen Glanz zu erstrahlen. Das Licht ließ die Konturen der Tür verschwimmen und gab den Weg frei.
Meine Finger glitten ungläubig durch die Luft, wo zuvor noch stabile Materie stand.
Ein heftiger Stoß war die erwartete Reaktion auf mein Zögern. Dem Kerkermeister war meine Anwesenheit offensichtlich ein Dorn im Auge und er ließ mich seine Abneigung regelrecht spüren.
Ich beachtete ihn nicht weiter und trat erstaunt über die magische Schranke.
Die nächsten Schritte bargen eine trügerische Stille.
Ein Raum behangen mit blankpolierten Waffen. Scharf und tödlich hing Klinge um Klinge wie Trophäen zwischen edlen Wandteppichen.
Aus dem Mauerwerk der kleinen Höhle ragten klippenartige Ebenen, die man problemlos überblicken konnte.
Auf der Obersten – zu der auch der Eingangsbereich zählte – erhob sich ein Ring von majestätischen Marmorsäulen. In ihrem Zentrum glitzerte ein Steinbecken, gefüllt mit erhitztem Bergwasser, das direkt aus dem angrenzenden Fels prasselte.
Was für ein ungewöhnlicher Ort. Ich registrierte nicht einmal mehr die Schmerzen meiner wankenden Beine.
Vorsichtig schritt ich über den hallenden Boden. Überall lagen Kleiderstücke herum, die allem Anschein nach nicht von einem Mann stammten.
In Ungewissheit folgte ich den Spuren des seidigen Stoffs. Sie führten mich über eine steinerne Treppe eine Etage tiefer zu einer Kammer. Von Gittern durchzogen ähnelte die Konstruktion eher einem Käfig, der in das Gestein geschlagen wurde.
Im Dunkeln huschte und keuchte etwas. Es klang wie kränkliches Atmen, aber es war nichts zu erkennen.
Meine Blicke verharrten weiter auf einem wuchtigen Tisch, auf dem zwischen Pergamenten ein paar Kerzen ihre Zeit abfraßen. Dahinter befand sich die etwas erhöhte letzte Plattform.
Sie erinnerte mehr an künstliche Podeste in Pyramidenform als an eine natürliche Formation. Die Ränder waren mit feinen Goldadern verziert und glichen mit ihrem Muster zwei über Kreuz kriechenden Schlangen – an der Spitze thronte ein prunkvolles Bett.
Kopfschüttelnd wand ich mich von dem verschwenderischen Reichtum ab und bemerkte einen unscheinbaren Durchgang.
Ich musterte ihn kurz und ging – bevor ich wieder weiter gestoßen wurde – durch einen samtenen Vorhang.
Auf der anderen Seite erhob sich ein Sims, der einem Balkon in nichts nachstand. Gegenüber dem Raum zuvor glänzte er weniger mit Marmor und Gold, sondern durch eine Schlucht.
Gewagt streckte ich mich über den brüstungslosen Vorbau, um einen Blick in den Spalt zu werfen.
Er verlief wie sein Vorgänger um die Höhle herum.
Wahrlich ein abgeschiedener Platz, wenn man bedenkt, dass nur eine Brücke und dieses schwarze Nichts ihn mit dem Rest der Welt verbanden.
Nachdenklich beugte ich mich wieder zurück und drehte mich um. Kaum erfasste ich meine Umgebung, hallte eine verdeckte Stimme aus dem Schatten: »Teris, der Wahnsinnige!«

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich seit meinem Eintritt in die Höhle allein gewesen war.
Keine Spur von meinem Begleiter oder eine der vielen Wachen, die uns auf dem Weg dorthin begegnet waren.
Nur eine Gestalt.
»Wer ist da? Gebt Euch zu erkennen!«
Ein alter gebrechlicher Mann glitt hervor, dessen Fratze sich von Falten und Narben nährte. Er trug eine mit Goldplättchen verstärkte Lederrüstung, die in mir sofort das reich verzierte Bett in Erinnerung brachte.
»Teris, der Wahnsinnige«, krächzte er erneut und versuchte den kostbaren Atem in sich zu behalten. Denn selbst nach diesen kurzen Worten flehten seine alten verbrauchten Lungen nach Luft. »Der Name des Toten, den Ihr beinahe auf dem Gewissen hattet.«
Verwirrt starrte ich in die eingefallenen Augen. »Wer seid Ihr?«
Unbeeindruckt auf meine Fragen ging er auf dem Balkon auf und ab und hielt darauf am Rand der Schlucht inne.
»Einst stand er in Diensten des Apothekerbunds. Er braute die mächtigsten Heiltränke in ganz Erdenheim. Alle kauften bei ihm. Ob Adel oder einfacher Bürger. Seine hochgepriesenen Fläschchen waren billig und lieferten für jedes gesundheitliche Problem eine schnelle Lösung. Wahrlich ein guter Mann, ein großer Heiler … ein Hochapotheker«, das letzte Wort spotteten seine rauen Lippen angewidert Silbe um Silbe aus. »Er genoss Ruhm und Reichtum, bis die Seuche hereinfiel und sich sein Verstand in Wahnsinn verwandelte. Danach ergötzte er sich nur noch an blutigen Spielen, Huren und Völlerei.«
»Wieso erzählt Ihr mir das?«, unterbrach ich ihn. Doch genau wie meine anderen Fragen verhallten diese in der Tiefe.
»Er nennt ein mächtiges magisches Artefakt sein eigen. Ein Amulett mit einem rubinroten Stein. Niemand weiß, woher er es hat, gar, von wo es stammt. Nur eines ist bekannt, die Macht, die es trägt … Zu schade, dass Ihr nicht wisst, wo es ist. Es wäre nützlich für uns.«
»Denkt Ihr, ich habe das Amu …?«
»Wolltet Ihr ihn deswegen töten?«, konterte er, bevor ich meinen Satz überhaupt beenden konnte.
Töten? Wäre ich so weit gegangen? Für ein Schmuckstück?
Der Ruf des Auges, der immer noch in mir nachhallte, verriet mir die Wahrheit.
»Eure Verschwiegenheit ist mir Antwort genug. Doch gebe ich Euch den wohlgemeinten Rat, Euch in Zukunft davon fernzuhalten.«
Ich schenkte ihm ein falsches Nicken und hoffte, dass mein Schweigen nicht meine wahren Absichten verriet.
»Ihr seid ein interessanter Mann, Krayac. Wärt Ihr damals nicht mit in den Krieg gezogen, hätte unsere Zusammenkunft schon viel früher stattgefunden«, sagte er gelassen.
»Woher kennt Ihr mich?«, fragte ich verwundert. »Was wollt Ihr von mir?« Bisher dachte ich, mein Aufenthalt hier bestand nur, weil ich zwischen sie und das Amulett geraten bin, aber er sprach etwas anderes an.
»Der Ursprung meiner Informationen ist für Euch derzeit wohl kaum vorstellbar, doch glaubt mir, Ihr wart in all den Jahren nicht unbeobachtet.«
»Wer seid Ihr zum Teufel?«, erwiderte ich erneut.
»Ich bin Terok, Gildenmeister der Chaosklinge und Herr über diese Katakomben.«
»Und wie komme ich zu der Ehre, in diesem Loch gefangen zu sein?«
»Ich muss zugeben, die Art und Weise unseres Treffens ist schlecht gewählt. Einen derartigen Ausfall an Disziplin meiner Männer hatte ich nicht befohlen«.
»Und was habt Ihr eurem Folterknecht befohlen?«, legte ich sarkastisch bei.
Seine Falten auf der Stirn verkrampften förmlich, während er nach den passenden Worten suchte. »Hauptmann Maev ist …«, brach er ab und begann nachdenklich wieder den schmalen Balkon auf und ab zu gehen. »Er sollte Euch zu mir bringen, nachdem Ihr das Stadttor passiert habt. Seitdem er von Euch erfuhr …«, stoppte er erneut und seufzte kopfschüttelnd vor sich hin. »Maev versteht nicht, dass ich dem Deserteur Zutritt in unsere Hallen gewähre.«
»Ich bin kein Des …!«, versuchte ich mich, zu rechtfertigen, doch schnitt er mir das Wort mit einer blitzartigen Handbewegung ab.
»Krayac, ich weiß von Euren Leiden. Es war bestimmt furchtbar, der Letzte gewesen zu sein.«
Mein Atem stockte.
Das Grinsen gelblich verfärbter Zähne war das Einzige, was mir das einbrachte. »Wie ich schon sagte, Ihr wart niemals allein.«
»Was? Wie …?«, floss es aus mir wie ein Wasserfall.
»Auf diese Fragen wird es Antworten geben. Das verspreche ich Euch, aber nicht heute, nicht jetzt. Kommt erst mal wieder zu Kräften und …«
In mir kochte es. »Ich verstehe nichts von Eurem senilen Geschwafel!«, explodierte es aus mir, sodass ich der Kluft fast zu nahe kam. »Warum diese Heimlichtuerei? Was verdammt noch mal wollt Ihr von mir?«
»Euch!«, reagierte er mit einer selbstsicheren Art, die nun keine Spur von Gebrechlichkeit mehr zeigte.
Dem sonst ruhig gebliebenen Terok zuckten regelrecht die Augen, während seine verbrauchte Visage zu Keifen begann. »Ich könnte Euch mit einem Wimpernschlag wieder zurück in Euer sogenanntes Loch werfen und dort verbringt Ihr den Rest Eures diebischen Lebens. Oder ich lasse Euch Tag ein Tag aus durch meine Folterkammern schleifen! Und wenn die Jahre vergehen, seid Ihr nicht mehr Wert als Futter für die Hunde! Einwand genug? Dann hört mich an!«
»Was wollt Ihr von mir?«
»Ich verlange, dass Ihr eurer Bestimmung folgt!«
Der Alte sprach weiter in Rätseln. »Bestimmung?«, fragte ich.
»Etwas, was sich seit Eurer Geburt im Verborgenen hält und nur darauf wartet, geweckt zu werden. Ein Geschenk, das Euch eine neue Richtung, ein neues Schicksal geben wird!«
Meine Verwirrung schien im Augenblick komplett. Der Grund für die Rückkehr in meine Heimatstadt war es, Antworten hinsichtlich der mysteriösen Seuche und den sinnlosen Hortlingkrieg zu erfahren und Rache zu üben, um diese ewigen Zweifel, die an mir klebten, endlich abzuschütteln. Und jetzt faselte dieser Fremde etwas über Bestimmung.
»Unsere Bruderschaft vermag es, die Dunkelheit und die Tödlichkeit der Nacht zu nutzen. Eine Gilde, die es versteht, ihre Feinde und Opfer in stiller Gunst zu beseitigen und sich das zu nehmen, was den anderen zu viel ist. Jeder steht für jeden ein in dieser Zunft. Mit Stärke und Leidenschaft schützten wir uns bereits gegen die Seuche und die Macht des Fürsten und auch in Zukunft werden wir uns gegen alles verteidigen, das unser Dasein bedroht.«
»Ihr seid also ein Haufen von Dieben und Mördern?«
»Eher Männer und Frauen, die ihr Leben nicht mehr von Hunger, Gier und höherem Einfluss lenken lassen wollen. Hier ist ein Platz für Verzweifelte und Heimatlose. Ein Ort für Geächtete, wie Ihr. Schließt Euch uns an und findet, was in Euch schläft. Und wenn der Tag gekommen ist, dann werdet auch Ihr … teilen
Niemals verspürte ich das befreiende Gefühl einer Bitte und den warnenden Impuls einer Drohung im selben Moment. »Habe ich überhaupt eine Wahl?«, zugleich ich die Frage ebenso aussichtslos wie unbedacht stellte, denn falls ich ablehnte, werde ich dieses Labyrinth sicher nie wieder lebend verlassen. Aber vielleicht half mir die Sicherheit einer Gilde, die Vendetta meiner Zweifel einzuläuten.
»Eure Vorsichtigkeit trifft hier auf Eis. Vertraut mir, Krayac«, lächelte er … »Ihr seid daheim!«

Es wehte ein duftender Luftzug und Terok führte mich zu der dampfenden Quelle, die von Fleisch, Früchten und Wein umgeben war.
»Wie Ihr seht, wurden in der Zwischenzeit ein Bad sowie einige Stärkungen für Euch vorbereitet.«
Das Ganze schien, wie ein makaberes Spiel, aber ich musste es spielen.
Gegen jede Vernunft legte ich die zerfetzten Kleidungsstücke ab und glitt in die heißen Ströme.
Ich spürte frische Energie durch meine ausgelaugten Gliedmaßen fließen. Wie jene Kraft zurückkehrte, die ich in der Gefängniszelle verlor.
Durch die Säulen sah ich auf die untere Ebene, wo sich Terok an dem Schloss des Gitterkäfigs zu schaffen machte.
»Unterdessen Ihr Euer Mahl einnimmt, werden Euch meine Sklavinnen ein wenig Freude bereiten«, verkündete er wie ein spielendes Kind. »Kommt zu mir, meine Schönen, Ihr werdet … gebraucht!«, befehligten seine dominanten Worte, während er die Gittertür öffnete.
Erneut ertönte dieses kränkliche Keuchen. Heraus kam jedoch nicht, was ich erwartete. Sondern zwei Frauen mit wildfallenden Haaren, die durch Stahlbänder um ihre Hälse schwerfällig atmeten.
Terok löste die Ketten, die sich durch Ösen der Halsbänder zierten, und wies die Frauen auf die obere Plattform.
Sie streiften die leichten Kleidchen nicht ab, als sie schließlich zu mir ins Wasser schwanden. Der nasse Stoff fing an, sich ihren wohlgeformten Leibern anzupassen, und entblößte noch mehr von ihren prachtvollen Formen.
Ich vergaß alles um mich herum und genoss die sanften Berührungen der Mädchen, die sich ungehemmt über meinen Körper bewegten. Wie in einem Traum massierten zierliche Hände jede erreichbare Stelle, die sie zu fassen bekamen. Wohin man sah, perfekte Rundungen und volle Lippen, die sich überall unbändig auslebten.
Eine der Sklavinnen bebte regelrecht mit ihren Schenkeln über meine Hüften und schöpfte ihre Kraft willenlos aus, während sich die andere an mich schlang und jegliche Fantasie zum Einsatz brachte.
Die kalten Augen zeigten jedoch die Einseitigkeit des Liebesspiels, wie in Hypnose starrten sie geistlos ins Leere. Dennoch zelebrierten sie ihren verführerischen Tanz und mein Körper schwebte in einem Gefühl von Wärme und Hingabe. Mit jeder Sekunde verfiel ich erneut dem Spiel aus Lust und ihrer zügellosen Gier.
Es war eine Offenbarung, die sich auftat.
Ich schweifte ab und meine Gedanken trieben wahllos zwischen Erregung und irrendem Schmerz umher.

Nachdem ich erwachte, lag ich alleine in der Quelle.
Die Frauen waren fort, wieder eingepfercht in das Gefängnis, das ihr Meister für ihre gezwungenen Dienste geschafften hatte. Und keine Spur von dem Gildenmeister.
Zufrieden trieb ich durch das kleine Paradies.
Als ich nach einer Weile aus dem Becken stieg, lehnte am Rande einer Säule eine neue Rüstung in pechschwarzem Leder.
Sie wurde von mattschwarzen Metallplättchen verstärkt, die senkrecht über den gesamten Torso verliefen und an denen sicher die meisten Waffen abgleiten würden.
Leibhaftig ein befriedigendes Gefühl, sie anzulegen.
Die Armschienen, Handschuhe und Stiefel verliehen – samt Beinkleid – der Rüstung eine farbgleiche Schönheit.
Zuletzt lag abseits, ein gepanzerter Kapuzenumhang. Die schwarzen Lederschuppen, die den Mantel säumten, erinnerten an überlappende Dachziegel. Sogar Pfeile und Armbrustbolzen könnten diese Schutzhülle nicht durchdringen.
Nur mein Schwert war noch dasselbe – poliert und geschärft. Seit es mir einst in der Waffenkammer der Stadt übergeben wurde, schmeckte es viel Blut. Mensch und Hortling. Eine treue Klinge.
Das Wasser floss immer noch klar und verführerisch.
Ich stand in kompletter Ausrüstung davor und die Quelle zeigte einen vertrauten Anblick: Das ohrenbedeckende braunschwarze Haar, welches über ein wohlgebautes krieggezeichnetes Gesicht fiel. Und die leuchtenden kobaltblauen Augen, die mich tiefsinnig anstarrten.
Ich sah mich lange an und rief mir all den Schmerz vergangener Jahre in Erinnerung. Warum bin ich so geworden? Eine gefühllose Kreatur, die ein Dasein nach Rache und Überleben führt. Die das Lied der Klinge mehr liebt als die harmonischsten Sprachen, die in den Welten zuhause sind. Die nur Wert darauf legte, ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Als Nêrath starb, starb auch ein Teil mit ihr. Etwas, dass auf dem langen Weg meines zwanzigjährigen Lebens zurückblieb: meine Menschlichkeit. Und als ich mein vernarbtes Stigma unter meinem rechten Auge berührte, erinnerte ich mich, wie es vor der Zeit der mysteriösen Seuche gewesen war …

Es blühte, überall Bäume, herumstreunende Tiere und freundliche Menschen, wohin man sah.
Saftige Parks und Grünanlagen unter einem bergblauen Himmel.
Jeder Tag eine Freude in der Hafenstadt Nêrath.
Mütter mit ihren Söhnen, Väter mit ihren Töchtern. Alle so glücklich, so ahnungslos. Ohne Sorge gingen sie ihr Leben.
Die Kinder so jung, spielend und lachend verbrachten sie die Zeit.
Auf den mächtigen Wehrgängen der Stadtmauern patrouillierten unzählige Soldaten, die eine schützende Hand über die Bürger legten.
Und ein Junge, der auf einer der vielen Steinfiguren – welche die Zäune der Reichen zierte – saß und wortlos in die Menge sah.
Ich erkannte mich sofort wieder, den Blick auf diese gedankenlosen Zombies, die sehnend ihrem Trieb nach Wohlstand und Glück nachgingen.
Und in der Ferne eine weibliche Gestalt.
Meine Mutter, die mit einem Stück Brot unter dem Arm und einem angeschimmelten Käse grinsend zu mir lief. Sie sagte, es sei ein Glückstag, dass der Bäcker ihr den alten Laib aus Mitleid geschenkt hatte.
Eine so gute Mutter. Dankbar für alles, was dem gehobenen Stand zuwider war.
Wahrlich die schönste Frau, die ich jemals gesehen hatte. Lockige braune Haare, sanftmütige grüne Augen. Und einem ständigen Lächeln auf den Lippen, egal ob bei Krankheit oder andauernder Armut. Ein so schönes Wesen.
Jeden Tag nahmen wir den Weg durch das Handelszentrum. Vorbei am Hafen, bis in die abgelegenen Engen des Elendsviertels, in dem selbst die Sonne sich scheute, über sie zu scheinen.
Das Verderben lag hier förmlich in der Luft und mehr davon in den Seitenstraßen, die kreuz und quer verliefen.
Ich sah Menschen, die Dreck ihr zuhause nannten.
Ich sah Menschen, die auf den Straßen halbverhungert um ein wenig Brot bettelten.
Und ich sah Menschen, die ihr Leben wegwarfen und nichts unternahmen, um ihrer Not ein Ende zu setzen.
Nie wollte ich so werden, mich an Armut und Leid zu klammern, es tatenlos hinnehmen, wie mein Dasein in Sinnlosigkeit und Verachtung zerfiel.
Die Bilder in meinem Kopf verblassten immer mehr.
In einer Gasse erkannte ich noch die Umrisse einer blutüberströmten Frau, deren Haut zu verwesen begann, obwohl sie noch lebte.